#Leseprobe „Hexenarche 2“ ~~~ #Kinderbuch #Jugendbuch #lesen #Fantasy #Fantasie #Hexenarche #Buchserie #Hexen #Magie #Zauberei #Freundschaft #Liebe

#Kinderbuch #Jugendbuch #lesen #Fantasy #Fantasie #Hexenarche #Buchserie #Hexen #Magie #Zauberei #Freundschaft #Liebe #Rezension

Hallo, ihr Lieben,

wenn man in Amazon unser neues E-Book „Hexenarche 2: Die Rückkehr der schwarzen Hexe“ aufruft (Blick ins Buch), kann man die kompletten ersten drei Kapitel lesen und ein Stück vom vierten Kapitel. Nun kommt die Leseprobe:

Onyxia

Die Junghexe Tara war starr vor Entsetzen. Sie konnte es einfach nicht fassen, dass der Krähenbaum, auf dessen oberirdischen Wurzeln sie öfters mit Sandra abgehangen hatte, in Wirklichkeit gar kein Baum, sondern die Hexe Onyxia aus dem 17. Jahrhundert war. Sandra und Nuno ging es nicht viel anders, beide standen mit aufgeklappten Mündern da. Vor ihnen stand eine schlanke Frau mit langen, schwarzen Haaren, in denen noch einiges welkes Laub hing. Während sie die Metamorphose vom Baum zur Frau vollzogen hatte, hatte sie förmlich alle Blätter verloren, die zuvor noch an ihren Ästen gehangen hatten. Auch jetzt noch rieselten einige zu Boden. Sie trug ein eng anliegendes, pechschwarzes Ritualkleid, das an der rechten Seite geschlitzt war und dadurch ihr rechtes Bein offenbarte, das mit seltsamen Narben übersät schien. Die Hexe stand in einer großen, zerklüfteten Erdmulde, die sie zuvor als Eichenbaum mit ihren mächtigen Wurzeln ausgefüllt hatte. Ringsherum waren große und kleine Erdlöcher zu sehen, in denen vormals ihre Wurzeln gesteckt hatten.

Onyxia kam langsam zur Besinnung und bewegte gemächlich Finger für Finger, immerhin war sie sehr lange Zeit ein Baum gewesen. Anschließend mobilisierte sie langsam ihre Beine, um ihr menschliches Körpergefühl wiederzuerlangen. Im Taumel der Verzückung, endlich wieder ein Mensch geworden zu sein, bemerkte sie nicht einmal, dass sie von einem Nagerpaar angeklettert worden war, das eigentlich auf seinen Lieblingsbaum klettern wollte. Mit großen Augen starrten die beiden Eichhörnchen fiepend zu Onyxia hoch und erschraken fürchterlich beim Anblick der Frau, sodass sie blitzschnell das Bein der Hexe hinabflohen und das Weite suchten.

„Ahhhh, tut das gut“, sagte die Frau mit wohlklingender Stimme, während sie ihre Knochen knacken ließ. Dieses Geräusch hätte Tara normalerweise Unbehagen eingeflößt, jedoch war sie von dem ganzen Geschehen so gebannt, dass sie es nicht einmal wahrnahm. Als Onyxias Blick beiläufig auf ihr „Buch der Schatten“ fiel, das vor ihren Füßen auf dem Erdreich lag, hielt sie abrupt inne und ihre Augen funkelten gierig. Nach so langer Zeit sah sie endlich ihr magisches Buch wieder. Onyxia wollte sich bücken, um es aufzuheben, doch sie war noch so steif, dass es ihr nicht gelang. Sie streckte ihre rechte Hand mit nach unten gerichteter Handfläche über dem Buch aus, während sie sich tief konzentrierte. Erst einmal geschah gar nichts. Doch schon ein paar Sekunden später begann das Buch zu wackeln. Onyxias Hand zitterte im ruckelnden Rhythmus des Buches, immer stärker werdend, bis endlich ihre Magie floss und sich das Buch augenblicklich in die Luft erhob. Mit beiden Händen packte sie das Buch und riss es an sich. Anschließend vollzog sie voller Genugtuung ihren ersten Schritt und bewegte sich nach sehr langen Jahren Festverwurzelung zum ersten Mal wieder frei. Augenscheinlich genoss sie es sehr, denn ein verzücktes Lächeln umspielte ihre vollen Lippen. War der erste Schritt noch etwas wackelig, so wurden die weiteren Schritte umso sicherer.

„W-w-wir sollten hier schleunigst verschwinden“, sagte Tara stotternd zu ihren Freunden.

Sandra pflichtete ihr mit schlotternden Knien bei: „Ich bin auch dafür, dass wir …“ Sie hielt im Sprechen inne, als sie entsetzt bemerkte, wie Onyxia spielerisch aus der Erdmulde herausschwebte. Onyxia landete zielsicher auf ihren rotgegerbten Schnabelschuhen auf der Wiese – nur ein paar Meter vor den drei staunenden Junghexen. Diese hatten nur einen einzigen Gedanken: so schnell wie möglich zu fliehen. Doch gerade, als sie Anstalten machten, loszurennen, registrierte Onyxia plötzlich die drei Teenager und es blieb bei dem Vorhaben. Mit einer lässig in ihre Richtung geworfenen Handgeste paralysierte die mächtige Hexe sie. Tara, Sandra und Nuno waren zu keiner Bewegung mehr imstande. Genau in dem Moment, als sie Onyxias Zauber traf, wurden auch ihre laufenden Besen Opfer der Magie, die die dunkle Hexe gewirkt hatte.

„Na, na, ihr bleibt schön hier“, säuselte Onyxia. „Habt keine Angst, ich möchte mich doch nur bedanken.“ Mit spitzen Lippen hauchte sie in die Luft und drehte sich dabei langsam einmal um die eigene Achse. Dabei floss aus ihrem Mund dichter Nebel, der sich in alle Richtungen ausbreitete. Es herrschte eine gespenstische Atmosphäre. Als die Hexe nach ihrer Drehung wieder am Ausgangspunkt angelangt war, hörte sie mit dem Hauchen auf. Tara verstand zunächst nicht, wieso Onyxia den Nebel gehext hatte, doch dann dämmerte es ihr. Durch diese Aktion wollte die Hexe anscheinend im wahrsten Sinne des Wortes ihre Rückkehr verschleiern, damit andere Hexen oder Menschen nicht auf sie aufmerksam wurden. Der Nebel war mittlerweile so dicht, dass Tara und die anderen die Konturen der Hexe nur noch schemenhaft erahnen konnten.

Während Onyxia sich den Kindern unaufhaltsam näherte, sie hörten ihre Schritte auf dem Gras, flüsterte Sandra ihrer besten Freundin zu: „Tara, mach doch irgendetwas! Benutz deine Magie der freien Hand oder wie das heißt. Jetzt mach schon!“

Tara konzentrierte sich, doch es geschah nichts. „Es klappt einfach nicht. Ich weiß nicht wieso.“

„Na toll. Nuno, dann mach du etwas!“, forderte Sandra ihn leise auf. „Immerhin bist du schon eine Klasse höher.“

„Mir fällt auch kein passender Zauberspruch ein. Keine Ahnung, wie ich diesen Lähmungszauber überwinden soll. Das hatten wir noch nicht im Unterricht.“

Da stand auch schon Onyxia direkt vor ihnen und den dreien verschlug es förmlich die Sprache. Der Nebelschleier vor den Kindern hatte sich etwas gelichtet, als die Hexe hindurchgeschritten war. Als Erstes ging sie zu Sandra, die ganz verängstigt wirkte, da sie nicht wusste, was Onyxia vorhatte. Während die dunkel gekleidete Hexe in ihrer linken Hand ihr Zauberbuch trug, richtete sie ihre rechte Handinnenfläche auf Sandras erstarrten Körper. Sie bewegte ihre Hand leicht hin und her, als wollte sie die Luft streicheln. Nachdem sie dies ein paarmal wiederholt hatte, sagte sie vor sich hin: „Nichts.“ Anschließend ging sie zu Nuno und tat dasselbe bei ihm. „Auch hier nichts.“ Sie heftete ihren Blick auf Tara: „Dann bist du diejenige, die ich suche.“

Onyxia wandte ihr nun ebenfalls die Handinnenfläche zu. Augenblicklich glühte diese purpurfarben auf. „Oh ja, schon viel besser. Du bist also die Hexe, die ich gespürt habe, als ich einer von diesen Bäumen war“, sagte sie spöttisch. Die Hexe lachte gehässig. „Vielen Dank, meine Liebe, dass du mich endlich wieder zu einer Hexe gemacht hast. Ich hatte schon längst vergessen, wie es ist, einen menschlichen Körper zu besitzen. Sehr, sehr lange Zeit habe ich auf diesen Moment gewartet, bis ich endlich jemanden gespürt habe, der meiner Kette würdig ist. Wenn du nur wüsstest, was es mich für einen Kraftaufwand als Baum gekostet hat, mit meinen Wurzeln dieses Schmuckstück aus dem Erdreich emporzurecken, in der Hoffnung, dass du es findest.“ Onyxia schaute auf ihre Kette, die um Taras Hals hing. „Der Edelstein ist weiß?“, fragte sie verdutzt. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass meine Rückverwandlung so viel Energie gekostet hat. Wie dem auch sei, nun ist es endlich Zeit, dass dieses kostbare Schmuckstück zu seiner rechtmäßigen Besitzerin zurückkehrt.“

Tara wollte partout nicht, dass Onyxia die Kette in ihre Finger bekam. Jetzt war sie sich sicher, dass sie ein mächtiges Zauberutensil war und Onyxia damit sicherlich etwas Böses vorhatte. Schlimm genug, dass Tara der Auslöser für die Rückkehr der bösen Hexe war. Die Kette wollte sie ihr aber nicht geben, um noch Schlimmeres zu verhindern. Tara erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter, die zu ihr bei der Hexeneinschulung, als sie sechs Jahre alt gewesen war, gesagt hatte: „Und wenn dich Kinder ärgern, dann musst du dir das nicht gefallen lassen, wehre dich. Stell dir vor, wie deine Aura, die dich immer umgibt, stärker wird. Dann werden alle gegen dich gerichteten Gemeinheiten an der unsichtbaren Wand abprallen und dich nie verletzen können.“

Tara stellte sich vor, wie ihre Aura immer stärker und stärker wurde. Dabei kniff sie die Augen fest zusammen, um sich besser konzentrieren zu können. Und es wirkte! Denn als Onyxia nach dem weißen Onyxanhänger greifen wollte, leistete ihr etwas Unsichtbares unerbittlich Widerstand.

„Ah, interessant, ein Eigenschutz, doch diesen knacke ich mit Leichtigkeit.“ Sie wandte mehr Kraft auf und ihre Hand begann merklich zu zittern. Tara spürte, wie ihre imaginäre Schutzwand langsam bröckelte, als Onyxia mit ihrer Hand in die Schutzbarriere eintauchte.

„Nein!“, schrie die Junghexe. Der Schrei schien ihr zusätzliche magische Energie zu geben, denn plötzlich entlud sich etwas von innen nach außen. Energie flimmerte knisternd die Konturen ihres Körpers entlang, um sogleich wie ein Blitz in Onyxia einzuschlagen. Diese wurde durch den unvermuteten Energiestoß mehrere Meter nach hinten geschleudert und landete in der Erdmulde, wo sie zuvor Jahrhunderte als Baum gestanden hatte. Als sie unsanft aufprallte, fiel ihr das „Buch der Schatten“ aus der Hand. Der Nebel hatte sich auf der gesamten Flugstrecke gelichtet, auf der Onyxia hinweggeschleudert worden war.

„Wie hast du das gemacht?“, fragte Nuno ungläubig.

„Ich habe mir einfach vorgestellt, wie ich meine Aura ausdehne.“

„Der absolute Oberhammer!“

Während Onyxia sich aufrappelte und Erdbrocken von den Kleidern wischte, lachte sie gehässig. „Ich muss schon sagen, das hätte ich jetzt nicht erwartet. Meine magischen Kräfte müssen wohl etwas eingerostet sein. Normalerweise ist das Knacken einer Schutzbarriere eine meiner leichtesten Übungen.“ Onyxia hob ihr Zauberbuch vom Boden auf und schwebte erneut aus der Erdmulde heraus.

Just in dem Moment, als sich die Hexe mit zerzausten Haaren Tara wieder näherte, um einen zweiten Versuch zu starten, begann Tara plötzlich lautstark um Hilfe zu schreien. Onyxia blieb wie vom Schlag getroffen stehen, da sie diese Reaktion nicht erwartet hatte. Sandra fiel in das Schreien mit ein.

„Auf diese Idee hätten wir schon früher kommen sollen“, sagte Nuno. Dann schrie auch er laut um Hilfe.

Onyxia war sichtlich irritiert. Ihre Ohren waren diese schrillen Töne nicht mehr gewöhnt, schließlich war sie lange Zeit ein Baum gewesen. Die Hexe beschloss kurzerhand, vorerst von ihrem Vorhaben abzulassen, bevor noch jemand auf sie aufmerksam werden würde. „Wir sehen uns bald wieder!“, sagte sie mit ernster Miene zu Tara. Onyxia ließ ihr Zauberbuch auf die Wiese fallen und hob ihre Hände beschwörend gen Himmel. Dabei rutschten die langen Ärmel ihres Hexengewandes bis zu den Ellenbogen nach unten und gaben ihre Unterarme frei. Die drei Hexenschüler konnten nicht glauben, was sie nun sahen: Die Hexe fing an zu schrumpfen und dabei ihre Gestalt zu verändern. Sie nahm nach und nach die Form eines schwarzen Raben an. Als die Metamorphose in einen Vogel vollständig abgeschlossen war, hüpfte dieser zum Buch und pickte blitzschnell mit seinem Schnabel einige Male auf dessen Buchdeckel. Mit jedem Picken wurde das Zauberbuch etwas kleiner und jedes Mal, wenn der Schnabel auf den Buchdeckel traf, sprühten magische Funken auf. Als das Zauberbuch für den Raben die richtige Größe hatte, packte er es mit seinem Schnabel, erhob sich in die Lüfte und flog krächzend davon.

Tara, Sandra und Nuno schrien weiter, um auf sich aufmerksam zu machen, da sie sich immer noch nicht bewegen konnten. Ihr Schreien zeigte langsam Wirkung. Schemenhaft sahen sie, wie sich ihnen eine Gestalt näherte.

„Hier sind wir!“, rief Tara, um sie in die richtige Richtung zu lenken.

Tara und Sandra erkannten einen jungen Mann, der augenscheinlich um die siebzehn Jahre alt war. Er hatte wasserstoffgebleichte Haare, die ihm wie Stacheln vom Kopf abstanden. Sein langer, schwarzer Ledermantel schleifte beinahe über den Boden. Der Jugendliche sah aus wie aus einem Gothic-Magazin entsprungen.

„Was ist denn mit euch los? Wieso habt ihr um Hilfe geschrien?“

„Roderick?“, fragte Nuno, als er dessen Stimme erkannte. Er hatte ihn zuvor gar nicht registriert.

„Nuno?“ Der blondierte Junge ging näher an ihn heran, um ihn besser sehen zu können. Als er ihn erkannte, fragte er: „Hey, was geht?“

„Wenn ich mich bewegen könnte, würde es mir besser gehen.“

„Wie, du kannst dich nicht bewegen?“ Er musterte ihn eindringlich. „Krass, ein Verharrungszauber.“

„Kannst du uns irgendwie davon befreien?“

„Ich habe jetzt nicht die passenden Zauberutensilien dabei, aber ich habe gelesen, dass so ein Zauber von alleine abklingt.“

Plötzlich musste Sandra laut aufstoßen. Wenn sie sich hätte bewegen können, hätte sie anstandshalber eine Hand vor den Mund gehalten. So aber musste sie ungeniert rülpsen. „Tut mir leid!“, entschuldigte sie sich verschämt. Am liebsten wäre ihr gewesen, der Erdboden hätte sie verschluckt. „Irgendwie fühle ich mich nicht wohl. Irgendetwas stimmt mit meinem Bauch nicht. Wie lange dauert denn das Abklingen des Zaubers?“

„Wenn ich mich richtig erinnere, eine Stunde.“

„Was?!“, fragte Sandra entsetzt. „Dann hol bitte lieber deine Zauberutensilien und befrei uns davon. Mir geht es echt nicht gut.“

„Okay, bin gleich wieder zurück“, sagte der Hexer. Er schwang sich auf seinen Besen und flog davon. Als er durch den Nebel stieß, teilte sich dieser sanft durch den Flugwind.

Endlich fernsehen

Tara rang zum wiederholten Male mit sich selbst. Sie war unentschlossen, wie sie ihrer Mutter am besten beibringen sollte, was heute in und nach der Schule alles passiert war. Die Junghexe stand schon ein paar Minuten vor der geschlossenen Haustür. Endlich gab sie sich einen Ruck, nahm einen tiefen Atemzug und sperrte die Tür auf. Tara wunderte sich, wieso die Tür zweimal abgesperrt war, weil das nämlich hieß, dass ihre Mutter gar nicht zu Hause war. Dann fiel ihr ein, dass ihre Mutter in der Früh, bevor Tara sich auf den Weg zur Schule gemacht hatte, gesagt hatte, dass heute für sie ein bedeutender Tag sei. Sie habe beim Hexenrat ein wichtiges Vorstellungsgespräch für einen höher bezahlten Arbeitsplatz in der Beschwerdestelle für Hexerei und sie würde sofort erfahren, ob sie den Job bekäme oder nicht.

Erleichtert darüber, dass ihre Mutter nicht daheim war, öffnete sie die Tür. In diesem Moment wollte gerade ihr kleiner Kater Dreifleck hinaus ins Freie laufen. Er musste zuvor das Schlüsselgeräusch wahrgenommen haben und war prompt zur Tür geeilt. Tara reagierte blitzschnell und packte das neugierige Kätzchen, bevor es Reißaus nehmen konnte. „Schön hiergeblieben, Dreifleck! Draußen ist es nicht sicher. Ich möchte nicht, dass dir etwas passiert.“ Mit dem schnurrenden Häufchen Fell in der Hand trat sie in die Diele des Hauses und gab mit ihrem linken Fuß nach hinten tretend der Tür einen Schubs, um sie zu schließen. Dies hätte sie sicher nicht getan, wenn ihre Mutter da gewesen wäre, weil sie sich sonst eine Schimpftirade hätte anhören können. Sie hatte so viele Hausregeln zu befolgen und jetzt war ihr gerade danach, eine von ihrer Mutter für sie aufgestellte Regel zu brechen.

Das ungehorsame Schließen der Tür mit dem Fuß wäre ihr beinahe gelungen, hätte nicht just in diesem Moment ihr Besen versucht, ihr zu folgen. So wurde er in der Tür eingeklemmt. Erst als sie die Tür nicht zuschlagen hörte, wurde die Junghexe auf das Dilemma, das sich in der Tür abspielte, aufmerksam, und sie befreite den wild hin und her ruckenden Besen aus seiner Misere, indem sie die Tür wieder öffnete. Nun konnte der Besen seiner Besitzerin ungehindert in den Flur folgen. Leider hatte er durch den Aufprall der Tür etwas gelitten, ein paar Borsten standen empört ab. Tara rief sich selbst zu Gehorsam, dass sie in Zukunft unbedingt daran denken musste, dass ihr Besen seit heute Teil ihres Hexendaseins war und ihr im wahrsten Sinne des Wortes auf Schritt und Tritt folgte. Sie hatte nun Verantwortung für zwei zu tragen, für Dreifleck und ihren laufenden Hexenbesen.

Tara schloss die Tür, diesmal gesittet mit einer Hand, während sie in der anderen den miauenden Dreifleck hielt. Die Junghexe war fix und fertig mit der Welt und beschloss, nach oben in ihr Zimmer zu gehen, sich einfach auf ihr Bett fallen zu lassen und alle Viere von sich zu strecken. Immerhin war es ein sehr anstrengender Tag für sie gewesen und viele neue Eindrücke waren auf sie eingeströmt, die sie erst einmal verarbeiten musste. Die Junghexe setzte das Kätzchen auf dem Boden ab, entledigte sich ihrer Schuhe und stellte sie in den Schuhschrank. Bevor sie auf Socken die Treppen in den ersten Stock hochging und ihr Zimmer aufsuchte, stylte sie noch schnell das Reisig des Besens wieder zurecht, indem sie in die Hocke ging und liebevoll die abgestandenen Borsten zurückschob. Daraufhin lehnte sich der Besen zutraulich an sie, als würde er die Aufmerksamkeit seiner Herrin genießen.

In ihrem Zimmer angekommen, legte Tara ihre Handtasche auf ihren Schreibtisch und warf sich rücklings aufs Bett. Die Junghexe nahm den Anhänger der Hexenkette in die Hand, hielt ihn sich vors Gesicht und betrachtete ihn eingehend. Durchs Fenster drang Licht ins Zimmer. Ein Teil davon traf den Stein, der daraufhin Lichtreflexe in Taras Zimmer erzeugte. Während sie den Stein musterte, fragte sie sich unwillkürlich, welches Geheimnis die Kette wohl in sich verbarg und wieso sie von so großer Bedeutung für Onyxia war. Sie staunte immer noch darüber, dass die schwarze Farbe des Steins tatsächlich einem milchigen Weiß gewichen war. Vor Kurzem war ihr schon einmal aufgefallen, dass ein Teil des Edelsteins seine dunkle Farbe verloren hatte. Sie konnte sich partout keinen Reim darauf machen, was diese Veränderung hervorgerufen haben könnte. Während Tara ganz in Gedanken versunken mit einem Finger die eingravierten mysteriösen Symbole auf der runden Fassung des Steins nachfuhr, dachte sie daran, wie sie die Kette im Sommer am Krähenbaum gefunden hatte. Nun war sie sich sicher, dass dies kein Zufall gewesen war. Onyxia hatte gesagt, dass Tara ihrer Kette würdig gewesen sei. War also alles von vornherein schon geplant gewesen? Die Junghexe fragte sich, wieso die Kette überhaupt unter der Erde in der Nähe des Baumes vergraben gewesen war. Sie konnte es sich nur so erklären, dass Onyxia damals, bevor sie die Gestalt des Baumes angenommen hatte, die mysteriöse Kette um den Hals getragen haben musste. Und während der Metamorphose musste ihr die Kette heruntergefallen sein. Und nun hatte ihr Tara ahnungslos dabei geholfen, ihr den Rückweg zu ebnen. Ihre einzige Intention war eigentlich gewesen, ihrer besten Freundin Sandra zu helfen, um sie wieder schlank zu hexen. Hätte sie vorher gewusst, dass der Krähenbaum in Wahrheit die böse Hexe Onyxia war, hätte sie Nuno und Sandra niemals vorgeschlagen, den universellen Rückkehrzauber aus Onyxias „Buch der Schatten“ am Krähenbaum auszuführen. Aber Tara konnte auch nicht mit Gewissheit ausschließen, dass Onyxia ihre Gedanken vielleicht dahin gehend manipuliert hatte, den Krähenbaum als Ort für Sandras Rückkehrzauber auszuwählen.

Die Junghexe ließ von der Kette ab und starrte stattdessen Löcher in die Decke. Ihre Gedanken wanderten zu ihrer besten Freundin. Kurz nachdem Roderick mit seinen Zauberutensilien zurückgekommen war, war das Malheur passiert. Sandra war es dermaßen schlecht gegangen, dass sie sich genau in dem Moment, als Roderick den Auflösungszauber bei ihr vollzogen hatte, auf ihn oder besser gesagt auf seinen Gothic-Mantel übergeben hatte. Anatomisch war das kein Wunder gewesen, da Sandra, als sie so dick gewesen war, dreimal so viel wie sonst in der Kantine gegessen hatte, und als Tara sie wieder schlank gezaubert hatte, hatte das viele Essen in ihrem Magen einfach keinen Platz mehr gefunden. Tara hatte sie immer wieder ermahnt, sich zusammenzureißen und sich auf keinen Fall während der Starre zu übergeben. Dies hätte sonst ernsthafte Konsequenzen gehabt und sie hätte an ihrem Erbrochenen ersticken können, da sie ihren Oberkörper zum Übergeben nicht nach vorne hätte beugen können.

Doch die peinliche Situation um Sandra wurde noch um einiges schlimmer. Kurze Zeit später, als sich alle drei dank Roderick wieder bewegen konnten, hatten sich die Nebelschleier im Park von jetzt auf gleich gelichtet, da Onyxias Zauber nachgelassen hatte. Und just in dem Moment waren viele Junghexen der Londoner Hexenarche im Park aufgetaucht. Zuvor hatten sie sich die Zeit nach Schulende in der Nähe des dortigen Sees mit Chillen und Lästern über die Lehrer vertrieben, als sie plötzlich auf das Nebelphänomen aufmerksam geworden waren. Neugierig geworden, was der Grund für dieses plötzliche Ereignis war, hatten sie nun sogar live miterlebt, wie Sandra sich auf Roderick besonders lang anhaltend übergeben hatte, was sie zu schallendem Gelächter veranlasst hatte. Unter ihnen befand sich auch Larissa aus Taras und Sandras Klasse, die von Natur aus überall in der ersten Reihe stehen musste. Sie hatte besonders laut gelacht. Man hatte ihr förmlich angesehen, dass Sandras peinlicher Auftritt für sie eine Genugtuung gewesen war. Da sie sie nur dick kannte, war sie der Meinung, dass sie einen Schlankheitszauber durchgeführt hatte, um schneller abzunehmen, anstatt mit Sport ihre überflüssigen Pfunde zu verlieren. Diese Unterstellung hatte sie laut vor allen Mitschülern kundgetan, woraufhin Sandra weinend davongelaufen war, gefolgt von ihrem treuen Besen. Glücklicherweise hatte in dem Moment ein Schüler bemerkt, dass der Krähenbaum fehlte, woraufhin dieses Detail in den Mittelpunkt des Interesses der Schüler gerückt war. Währenddessen war Tara ihrer besten Freundin hinterhergeeilt, nicht ohne sich zuvor bei Roderick für seine Hilfe zu bedanken, sich von ihm und Nuno zu verabschieden und Larissa einen bösen Blick zuzuwerfen. Auch Taras Besen war vom Geh- in den Laufmodus gewechselt und ihr nachgelaufen. Denn just, als die Lähmung von den drei Hexenschülern abgefallen war, konnten sich auch ihre Besen wieder bewegen. Nachdem sich Sandra endlich beruhigt hatte, hatte sie mit Tara ausgemacht, sie später per Kristallkugel zu kontaktieren, sobald es ihr gesundheitlich wieder besser ginge. Sandra wollte sich erst einmal ein bisschen aufs Ohr legen, um ihrem Magen etwas Ruhe zu gönnen.

Während Tara so entspannt rücklings auf dem Bett dalag und über die turbulenten Ereignisse nachdachte, bemerkte sie eine leichte Bewegung an ihrer Hüfte. Sie zuckte kurz zusammen. Aber als sie die kleine, bepelzte Pfote mit den ausgefahrenen Minikrallen sah, die an ihrer Hüfte tastete, erkannte sie ihr Kätzchen Dreifleck. Sie richtete ihren Oberkörper auf, nahm das kleine Fellknäuel mit beiden Händen vorsichtig hoch und ließ sich wieder auf den Rücken sinken. Mit ausgestreckten Armen hielt sie das Tier vor sich. Dreifleck guckte sie aus großen, geheimnisvollen, smaragdgrünen Katzenaugen an, während seine beiden Vorderbeine graziös herunterhingen. Tara lächelte ihn liebevoll an. Sie war so dankbar dafür, dass er ein Teil ihres Lebens war. Sie erinnerte sich daran, wie sie ihn Anfang Juli auf einem Bauernhof das erste Mal gesehen hatte. Tara wollte schon immer eine Katze als Haustier haben und es war ihr letztendlich gelungen, ihre Mutter zu überreden, sodass sie gemeinsam die Tageszeitung nach Inseraten durchforstet hatten. Schließlich waren sie auf eine Anzeige eines Bauernhofes gestoßen, der sich in der Nähe von London befand. Die dortige graue Stallkatze, die zur Rasse der Kartäuser gehörte, hatte wieder einmal geworfen. Und unter den vielen kleinen Kätzchen war Tara sofort auf den kleinen Dreifleck aufmerksam geworden, da er etwas verschüchtert abseits gesessen und sich nicht wie seine Geschwister bei der Nahrungsaufnahme in den Vordergrund gedrängt hatte. Irgendwie hatte er ihr leidgetan, da sie das Gefühl hatte, dass er von Geburt an als Außenseiter abgestempelt war, sodass sie sich sofort für ihn entschieden hatte. Die drei schwarzen Flecken, die keck sein weißes Fell zierten, waren bei der Auswahl nur zweitrangig gewesen.

Ehe sichs das Kätzchen versah, hatte Tara es auch schon zu sich herangezogen und ihm einen liebevollen Kuss auf sein kaltes Näschen gedrückt, woraufhin es freudig miaute. Die Junghexe stand anschließend vom Bett auf und setzte das Kätzchen sanft auf dem Boden ab. Sie überlegte, wie sie die Zeit überbrücken könnte, bis ihre Mutter endlich heimkommen und etwas zu essen zaubern würde. Am liebsten hätte sie Sandra sogleich per Kristallkugel kontaktiert, weil sie sich Sorgen um sie machte, immerhin war heute nicht gerade ihr Glückstag gewesen. Doch sie verwarf den Gedanken sogleich wieder, da ihre beste Freundin ausdrücklich gesagt hatte, dass sie sich schon bei ihr melden würde. Hausaufgaben hatte Tara heute auch nicht aufbekommen, sonst hätte sie diese gemacht. Also erlaubte sie sich fernzusehen. Normalerweise durfte Tara das nur, wenn ihre Mutter ihr die Erlaubnis dafür erteilte, aber sie war überzeugt davon, dass sie es bestimmt nicht herausbekommen würde. Sie schnappte sich ihre Handtasche. Es könnte ja immerhin sein, dass Sandra oder gar ihre Mutter sie kontaktieren würde und so hatte sie ihre Kristallkugel immer parat.

Im Wohnzimmer angekommen, machte sie es sich auf dem flauschigen Sofa bequem. Hierzu setzte sie sich im Schneidersitz hin. Das war ihre Marotte, so saß sie einfach am liebsten. Erst als sie so gemütlich in ihrer Lieblingsposition saß, fiel ihr ein, dass sie die Fernbedienung, die neben dem Fernseher lag, nicht mitgenommen hatte. Da sie ihre bequeme Haltung nicht aufgeben wollte, beschloss sie, gleich einmal ihre neuen magischen Kräfte, „die Magie der leeren Hand“, einzusetzen. Vorhin, als Onyxia sie und ihre beiden Freunde paralysiert hatte, hatte sie zwar versucht, diese für sie neuartige Magie einzusetzen, doch es hatte aus irgendwelchen Gründen nicht funktioniert. Also wollte sie ausprobieren, ob es nun funktionieren würde. Sie fixierte von Weitem die Fernbedienung und stellte sich im Geiste vor, wie diese zu ihr heranschwebte. Doch nichts passierte. Tara strengte sich noch mal mit aller Gedankenkraft an und kniff dabei sogar ihre Augen zusammen. Doch wieder geschah nichts. Die Fernbedienung rührte sich einfach keinen Millimeter. Schließlich streckte sie eine Hand in deren Richtung aus, um sie normal telekinetisch zu bewegen. Die Fähigkeit der Telekinese klappte normalerweise bei einer Hexe nur, wenn sie als Hilfsmittel ihre Hände benutzte und sich auf ihr Vorhaben konzentrierte. So konnten Hexen ihre magischen Kräfte kanalisieren und losschicken. Tara deutete mit dem Zeigefinger auf die Fernbedienung und konzentrierte sich. Nach ein paar Sekunden begann diese plötzlich unkontrolliert zu zucken, was zur Folge hatte, dass sie vom TV-Board fiel. Das war der Beweis dafür, dass wenigstens ihre normalen magischen Kräfte noch funktionierten, auch wenn sie nicht mit den immensen Kräften „der Magie der leeren Hand“ zu vergleichen waren. Tara erinnerte sich an den gestrigen Tag, als sie das Sofa mit Leichtigkeit bewegt hatte, um ihren laufenden Besen einzufangen. Sie konnte es sich nur so erklären, dass die Kette ihre normalen telekinetischen Kräfte enorm verstärkt haben musste.

Dann fiel Tara die veränderte Farbe des Steins wieder ein und sie schloss daraus, dass sie „die Magie der leeren Hand“ nur dann ausüben konnte, wenn er mehr oder weniger rabenschwarz war. Und dann dämmerte ihr, dass sie diese mysteriösen Kräfte wahrscheinlich gar nicht selbst beherrschte und sie nur Onyxias Kette zu verdanken hatte.

Ihre Gedanken kehrten wieder in das Hier und Jetzt zurück. Die Junghexe beschloss, die Fernbedienung einfach aufzuheben. Telekinetisch hatte sie es nicht geschafft, sie zu sich heranzuholen, also musste sie wohl oder übel aufstehen. Tara löste sich aus ihrer Schneidersitzposition, ging zum Fernseher, hob seufzend die Fernbedienung vom Boden auf und begab sich mit ihr wieder zurück zum gemütlichen Sofa, auf dem sie erneut im Schneidersitz Platz nahm. Dann schaltete sie in freudiger Erwartung den Fernseher ein.

Hexaria Powder

Als der Bildschirm anging, lief gerade eine Nachrichtensendung im ersten öffentlichen Kanal. Die Nachrichtensprecherin stand hinter einem modern designten Pult. Sie war sehr schick angezogen, dezent geschminkt und wirkte mit ihrer runden Brille sehr intellektuell.

„… Medienberichten zufolge sollen bisher nur rund fünf Prozent des Brandes unter Kontrolle sein. Man vermute, dass der Auslöser des Waldbrandes eine weggeworfene brennende Zigarette gewesen sei, so ein Feuerwehrmann. Und nun zu den Lokalnachrichten aus London: Wie jedes Jahr um diese Zeit sorgte gestern der jährliche Sommerschlussverkauf des über die Grenzen bekannten Hexenladens ,Alraune‘ für einen hohen Besucherandrang. Hexen aus ganz Europa kamen schon in den frühen Morgenstunden auf ihren Besen angeflogen und blockierten diverse Zufahrtsstraßen für Autofahrer, da sich riesige Schlangen vor dem Laden gebildet hatten …“ Während die Nachrichtensprecherin dies sagte, wurde ein chaotisches Video eingeblendet, das Hexen unterschiedlicher Nationalität und jeglichen Alters zeigte. Einige trugen stolz ihre Warzen zur Schau, während andere aussahen, als wären sie gerade aus der Schönheitschirurgie entlassen worden. Als die Kamera weiter über mehrere Hexen hinwegglitt – im Hintergrund hörte man wildes Hupen und laute Flüche, dass die Hexen gefälligst die Straßen freimachen sollten, da die Autofahrer zur Arbeit fahren müssten –, erkannte Tara ein bekanntes Gesicht. Es war Larissa, die gerade von der HEKA-Reporterin Saxana La Croix interviewt wurde. Tara war sich sicher, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt im Laden befunden hatte. Sie erinnerte sich, dass Larissa erst dann interviewt worden war, als Tara selbst schon im Inneren des Ladens verschwunden gewesen war. Man sah diese Szene aus der Perspektive einer anderen Kamera, sodass man den Kameramann, der zur Reporterin gehörte, erkennen konnte. Doch die bewegten Bilder verschwanden und machten wieder der attraktiven Nachrichtensprecherin Platz. „Als der Laden endlich seine Pforten geöffnet und den Riesenansturm der Hexen bewältigt hatte, ließ auch das Verkehrschaos nach. Es fanden im Vorfeld einige Demonstrationen von aufgebrachten Menschen statt, die die Schließung des Hexenladens forderten.“ Ein neues Video wurde eingeblendet, auf dem man aufgebrachte Menschen sah, die mit Schildern umherliefen: „Hexenladen? Nein!“, „Hexenfreie Zone!“ oder „Das ist nicht das Hexenviertel!“. Tara fand es furchtbar, mit ansehen zu müssen, was es für intolerante Menschen gab. Sie ertrug die Beschimpfungen nicht länger, sodass sie einfach weiterzappte. Sie suchte den Hexenkanal (HEKA) und landete mitten in der einstündigen Homeshopping-Sendung. Da die Junghexe neugierig war, welche neuen Produkte es für die magische Zunft gab, schaute sie interessiert zu. Es war schon sehr lange her, dass sie überhaupt fernsehen durfte, umso mehr freute sie sich jetzt, an dieser Sendung teilhaben zu dürfen. Tara genoss sie in vollen Zügen.

Eine ganz in Weiß gekleidete Hexe saß mit anmutig übereinandergeschlagenen Beinen in einem Korbstuhl, ihre beiden Hände ruhten auf ihren Schenkeln. Vor ihr auf dem Tisch befand sich eine rote Schale, um die es womöglich in dieser Werbesendung ging. Sie sprach leicht geziert in die Kamera: „Geht es Ihnen auch so, dass Sie nach dem vielen Kesselrühren angegriffene und brüchige Nägel haben?“ Sie hielt ihre rechte Hand in Richtung Kamera, sodass ihr Handrücken zu sehen war. Die Kamera zoomte darauf und offenbarte Schreckliches. Tara sah angeekelt auf den Bildschirm, als sie die hässlichen Nägel der Hexe sah. Dann fuhr die Kamera wieder zurück und die Hexe sprach weiter: „Dank Hexaria Nails hat dies nun ein Ende. Es ist ein neues Produkt der renommierten Firma Hexaria, die das Leben von uns Hexen schon durch viele Produkte erleichtert hat. Es dauert wirklich nur fünf Sekunden und Sie werden Ihre Nägel nicht mehr wiedererkennen. Gerne werde ich Ihnen die Probe aufs Exempel machen. Sehen Sie her!“ Die Kamera zeigte nun eine andere Perspektive, aus der man ganz genau sehen konnte, dass das rote Behältnis fünf Einbuchtungen hatte, in welche die Werbehexe nun die grazilen Finger ihrer rechten Hand hineinsteckte. Augenblicklich begann das Produkt leicht zu vibrieren und gab ein leises Zischen von sich. Dabei sagte die Hexe: „Nur fünf Sekunden Ihrer wertvollen Zeit, meine Damen, und Ihr Selbstwertgefühl wird steigen. Oh, es ist so weit“, erklärte sie, als das Vibrieren stoppte. Die Hexe zog mit einem leicht saugenden Geräusch ihre Finger aus den Öffnungen. Aus den Löchern der Box folgten indessen magische Glitzerpartikel ihren Fingerkuppen nach, die sich funkelnd in der Luft verteilten und erst nach und nach verschwanden. Mit einem gewinnenden Lächeln präsentierte die Dame ihre neuen gesunden und gepflegten Nägel, während die Kamera darauf fuhr. Währenddessen sagte die Hexe mit sehr femininer Stimme: „Danke, Hexaria Nails! Meine Damen, sind sie nicht wunderschön? Auch Sie können stolze Besitzerin solcher traumhaften Nägel sein. Wenn Sie die unten eingeblendete Nummer innerhalb der nächsten dreißig Minuten anrufen und bestellen, erhalten Sie eine Dose Hexaria Powder gratis dazu. Dieses einzigartige Produkt werde ich für diejenigen, die es noch nicht kennen, nach einer kurzen Werbepause vorführen. Bleiben Sie dran, liebe Mithexen!“

Tara konnte nicht anders, als die Werbung mit anzusehen. Sie wollte unbedingt an der Shoppingsendung dranbleiben, da der Puder sie sehr interessierte. Sie hatte den vagen Verdacht, dass sie damit vielleicht ihre lästigen Sommersprossen perfekt kaschieren könnte. Doch auch die kurzen eingeblendeten Werbespots, die natürlich nur Artikel von Hexaria bewarben, fand Tara sehr interessant. Der erste Werbespot drehte sich um einen magischen Lippenstift. Während passende Videoaufnahmen eingeblendet wurden, die ungeschminkte und geschminkte Hexen im Vorher-Nachher-Vergleich zeigten, hörte man eine Frauenstimme sagen: „Kennen Sie schon Hexaria Lipps? Nein? Dann wird es höchste Zeit, dass Sie dieses einmalige Produkt kennenlernen. Sind Sie zu beschäftigt mit Ihrem Haushalt oder dem Zaubern und haben keine Zeit, sich um Ihre Lippen zu kümmern? Sie wollen trotzdem perfekt geschminkte Lippen? Zu jeder Zeit? Dann verwenden Sie Hexaria Lipps. Einmal den erworbenen Lippenstift herbeigerufen und er zaubert Ihnen volle, geschwungene, rote Lippen, egal, was Sie gerade machen. Und das Beste ist, dass Sie den Lippenstift nicht einmal berühren müssen, denn er arbeitet eigenständig, wenn Sie ihn rufen. Nur dieses magische Produkt macht auch aus kleinen Lippen volle Kussmünder. Auch für Schlauchbootlippen geeignet! In diversen Farben erhältlich. Hexaria Lipps – und wir versprechen Ihnen, Sie werden nie wieder zu einem anderen Lippenstift greifen.“

Ein neuer Werbespot wurde eingeblendet. Diesmal ging es um Warzen. Während eine abstoßend hässliche Hexe gezeigt wurde, deren Gesicht mit Warzen in allen Größen übersät war, erklang eine Männerstimme: „Warzen hex weg, das Produkt, auf das Millionen Hexen gewartet haben. Mit diesem Produkt wird jede Frau, die von Mutter Natur nicht mit Schönheit beschenkt wurde, makellos. Und das geht kinderleicht: Einmal aufgetragen und Ihre Warzen fliegen auf Nimmerwiedersehen davon. Warzen hex weg, natürlich ein Produkt von Hexaria.“

Damit endete der Werbeblock und die ganz in Weiß gekleidete Hexe tauchte wieder in lässiger Pose mit übereinandergeschlagenen Beinen auf. Sie lächelte mit strahlend weißen Zähnen gewinnbringend in die Kamera und sagte: „Schön, dass Sie drangeblieben sind, meine Damen. Und ich begrüße alle neuen Hexen, die jetzt erst eingeschaltet haben. Wie ich zuvor angekündigt habe, erhält jede Kundin, die Hexaria Nails innerhalb von dreißig Minuten bestellt, jetzt sind es nur noch zwanzig Minuten, eine Dose dieses fantastischen, neuartigen Puders gratis dazu.“ Von jetzt auf gleich schwebte ein silberner, eiförmiger Behälter, der zuvor auf dem Tisch gestanden hatte, zu der Hexe hin. Sie hatte ihre telekinetischen Kräfte benutzt, indem sie mit einer Hand in Richtung des Behälters gedeutet hatte. Die Hexe griff den Behälter gekonnt aus der Luft, um ihn in die Kamera zu halten. „Natürlich kann man dieses wunderbare Produkt auch einzeln erwerben. Um Ihnen die volle Wirkung dieses magischen Puders zu demonstrieren, muss ich mich erst einmal vollständig abschminken. Ich weiß, dies ist ein Albtraum für jede Frau und sogar mir bereitet es äußerstes Unbehagen, dies vor laufender Kamera zu tun. Doch für Sie, meine Damen, werde ich es machen, um Ihnen den durchschlagenden Effekt zu zeigen. Ich verspreche Ihnen, Sie werden süchtig nach diesem Puder sein.“ Die Frau nickte jemandem in der Ecke zu, woraufhin ein Heer von Visagistinnen über die Werbehexe herfiel. Man sah tüchtige Hände herumwirbeln, die das Gesicht verdeckten, da sie so zahlreich waren. Kurze Zeit später entfernten sich die Mitarbeiterinnen und ließen die ungeschminkte Wahrheit auf dem Stuhl zurück. Tara entglitt vor Schreck die Fernbedienung aus der Hand. So etwas Grauenvolles hatte sie noch nie gesehen. Gleichzeitig fand sie es bewundernswert und sehr selbstbewusst, dass sich die Moderatorin den Zuschauern in ihrer ganzen abgrundtiefen, natürlichen Hässlichkeit präsentierte. Umso mehr war Tara neugierig, welche Wirkung der Puder versprechen würde.

Die Werbehexe schaute wieder in die Kamera – ihr Gesicht war nun pockennarbig und picklig – und sagte mit ausgefransten Lippen: „Ich hoffe, mein Anblick schockiert Sie nicht zu sehr, aber das bin nun mal ich, das ist meine Natur. So, nun zurück zu Hexaria Powder.“ Die Hexe öffnete mit den spitzen Fingern der linken Hand das silberne Ei, das sie in der rechten hielt. Die Kamera zoomte auf den geöffneten Puder, und Tara konnte nun erkennen, dass ein kleiner, runder Schwamm oben auf dem eigentlichen Puder auflag. „Sie müssen nur unseren Werbeslogan aufsagen und das Schwämmchen wird seine Arbeit tun. Sagen Sie einfach ,Hexaria – Produkte, die das Leben einer jeden Hexe erleichtern‘.“ Als sie diese Worte gesagt hatte, begann der Schwamm zu zucken, sich mit Puder aufzusaugen und in die Höhe zu fliegen. Während er auf ihr Gesicht zuflog, schloss die Werbehexe erwartungsvoll ihre Augen, und das Schwämmchen bearbeitete fleißig ihr Gesicht. Gleichzeitig hinterließ es bei jedem Arbeitsvorgang einen funkelnden Zauberglimmer. Als das Utensil mit seiner Arbeit fertig war, schwebte es wieder in die Puderdose zurück. Erst einmal konnte man durch das viele magische Glitzern nichts erkennen, doch als es nach ein paar Sekunden verschwand, war Tara total fasziniert vom Anblick des neuen Gesichts der Moderatorin. Sie sah schöner aus als zuvor, als sie noch die alte Schminke getragen hatte. Die Hexe öffnete ihre strahlend blauen Augen und sagte in die Kamera: „Sehen Sie, ich habe Ihnen nicht zu viel versprochen! Bestellen Sie schnell, denn es ist nur eine begrenzte Stückzahl von tausend Stück vorhanden. Jetzt nur noch neunhundertneunzig.“ Man erkannte auf dem Bildschirm, wie die Zahl kontinuierlich abnahm. „Sonst müssen Sie ein halbes Jahr warten, da man für die Herstellung dieses magischen Produktes eine besondere Zutat braucht, die im Himalaja wächst und nur zu einem bestimmten Zeitpunkt gepflückt werden darf.“

Tara konnte nicht anders, sie musste in den Besitz von Hexaria Powder kommen, auch wenn ihr ganzes Taschengeld draufgehen würde. Dann würden ihre Sommersprossen endlich der Vergangenheit angehören. Sie griff zu ihrer Handtasche, öffnete den Reißverschluss und entnahm ihr ihre Kristallkugel. Sie sprach mit gehetzter Stimme hinein: „Kristallkugel, Zahlenmodus erscheine!“, woraufhin auf der Oberfläche der Kugel die Zahlen von Null bis Neun zu sehen waren. Mit schnellen Fingern tippte sie die auf dem Bildschirm eingeblendete Rufnummer in das Tastenfeld der Kugel. Just in dem Moment, als sie die letzte Zahl eintippen wollte, sah sie aus dem rechten Augenwinkel am Fenster etwas vorbeifliegen, das einen Schatten ins Wohnzimmer warf. Als sie hinsah, stellte sie mit Erschrecken fest, dass ihre Mutter soeben mit ihrem Besen gelandet war. Hektisch löschte Tara die Nummer in der Kugel und verstaute diese anschließend wieder in der Handtasche. Fieberhaft suchte sie nach der Fernbedienung. Als Tara sie endlich neben sich auf der Couch gefunden hatte, schaltete sie blitzschnell das TV-Gerät aus, eilte nach vorne und legte die Fernbedienung auf ihrem angestammten Platz neben dem Fernseher ab. Zur selben Zeit hörte man auch schon, wie ein Schlüssel ins Türschloss gesteckt wurde. Geistesgegenwärtig packte Tara einen bunten Staubwedel, der auf dem Tisch rumgelegen hatte, und tat so, als würde sie das große Hexenbücherregal im Wohnzimmer abstauben. Da ging auch schon die Tür auf.

Nicht schon wieder Kartoffel-Linsen-Hexeneintopf

„Tara, bist du da?“, trällerte Samantha vergnügt, als sie hereintrat.

„Hier im Wohnzimmer! Pass bitte auf, dass Dreifleck nicht aus der Wohnung abhaut. Bei mir wollte er schon ausbüxen.“

„Keine Sorge, der ist nicht hier unten.“ Man hörte, wie die Tür ins Schloss fiel. Kurz darauf betrat Taras Mutter mit klackernden Schritten das Wohnzimmer und bemerkte ihre fleißige Tochter.

„Oh Mann, Mama, wann hast du denn das letzte Mal Staub gewischt?“, fragte Tara gespielt tadelnd, als sie ihre Mutter registrierte. Dabei fuchtelte sie mit dem antistatischen Wedel hier und da herum.

„Oh, du machst den Haushalt? Das finde ich sehr lobenswert.“

„Na ja, irgendwie war mir langweilig, und ich dachte, bevor ich hier nur rumsitze, kann ich mich auch gleich nützlich machen.“

Samantha lächelte. „Schau her, Tara!“, sagte sie, während sie aus der Tasche ihres Hexenmantels ein zusammengerolltes Pergament hervorholte. Mit einem triumphierenden „Tada!“ entrollte sie das Pergament und hielt es ihrer Tochter unter die Nase.

Die Junghexe hielt im Putzen inne und blickte auf die Urkunde, auf der stand, dass ihre Mutter ab morgen in der Beschwerdestelle für Hexerei angestellt sein würde. Tara ließ vor Freude den Staubwedel zu Boden fallen und umarmte ihre Mutter herzlich. „Ich freu’ mich riesig. Cool, dann können wir uns endlich mehr leisten.“

Samantha sah ihre Tochter liebevoll an. „Ja, das können wir wirklich. Und das Tollste ist, wir können uns lauter exklusive magische Kochbücher kaufen. Apropos Essen, hast du Hunger?“ Samantha rollte das Pergamentpapier wieder zusammen und verstaute es in der Manteltasche.

„Ja, habe ich“, erwiderte Tara. „Übrigens, die magischen Kochbücher sind ja schön und gut, aber hin und wieder wäre es doch ganz nett, wenn wir beide wieder einmal zusammen ohne Magie kochen würden.“

„Wie bitte?“, fragte Samantha verblüfft. „Es mag zwar am Ende schön gewesen sein, aber ich erinnere mich noch mit Grausen an die Tortur des Schälens und Kochens und wie wir beide hinterher ausgesehen haben. An meinen Haaren klebte Teig, die Küche sah aus, als wäre eine Bombe eingeschlagen, und meine Hände rochen tagelang nach diesem ekelhaften Knoblauchgeruch. Nein, diesen Stress mute ich mir nicht noch mal zu. Wozu gibt es denn diese tollen, praktischen magischen Kochbücher? Als Dekoration? Sie sind wahrlich eine meisterhafte Erfindung und das Ergebnis schmeckt viel besser, als wenn ich selbst kochen würde.“

„Na gut, war ja nur ein Vorschlag“, sagte Tara leicht maulend. „Hoffentlich gibt es diesmal nicht schon wieder Kartoffel-Linsen-Hexeneintopf.“

Samantha lächelte und ging nicht auf Taras Einwand ein. „Komm, Schatz, gehen wir in die Küche!“

Sie wollten gerade in die Küche gehen, als Samantha einfiel, dass sie ja noch ihre spitzen Hexenschuhe und ihren Mantel trug. Vor lauter Aufregung hatte sie sie nicht im Flur ausgezogen, da sie es kaum erwarten konnte, ihrer Tochter von der tollen Nachricht ihres neuen Jobs zu berichten. Tara wartete kurz, bis ihre Mutter sich ihrer Schuhe entledigt und ihren Mantel an die Garderobe gehängt hatte, dann gingen sie gemeinsam in die Küche. Samantha setzte sofort ihre telekinetischen Hexenkräfte ein, indem sie mit einer Hand auf ein höher gelegenes Regal zeigte, um ein magisches Kochbuch herunterschweben zu lassen. Sie hatte keine Lust, sich selbst abzuplagen, indem sie erst umständlich einen Küchenstuhl unter dem Regal platzierte, um anschließend darauf zu steigen und das Buch herunterzuholen. Samantha war stolz darauf, eine Hexe zu sein, und sie hatte den Verdacht, dass ihre Hexenkräfte schwinden würden, wenn sie sie nicht so oft wie möglich einsetzte. Es gab nämlich Hexen, die kaum noch zaubern konnten, da sie einfach zu wenig Übung hatten. Tara fand es immer wieder faszinierend zu sehen, zu was ihre Mutter magisch fähig war.

Samantha ergriff das Buch aus der Luft, als es nahe genug an sie herangeschwebt war, und sagte zu Tara: „Endlich werden wir uns mehr von diesen fantastischen Kochbüchern leisten und damit auch noch viel mehr zauberhafte Rezepte hexen können.“ Magische Kochbücher waren vor allem bei Single-Hexern, die nicht unmagisch kochen konnten oder wollten, sehr beliebt.

Samantha schlug das dicke Buch auf. „Nach was gelüstet es dich, Tara?“

„Alles, bloß keinen … du weißt schon was.“

Samantha schmunzelte, während sie nach einem geeigneten Rezept suchte. „Wie wäre es mit Pfannkuchen? Hier steht, dass sie schnell gehen.“

„Ja, wieso nicht?“ Insgeheim fragte sich Tara jedoch, warum ihre Mutter ordinäre Pfannkuchen nicht gleich unmagisch zubereitete, enthielt sich jedoch jeglichen Kommentars, da sie wusste, dass ihre Mutter nur eine zynische Antwort für sie parat haben würde. Andererseits war sie schon so heißhungrig, dass es ihr ausnahmsweise einmal recht war, wenn das fertige Essen magisch schnell auf dem Tisch stehen würde.

Samantha legte das aufgeschlagene Zauberkochbuch auf den Küchentisch, streckte ihre Hände in Richtung des Rezepts aus und intonierte laut: „Sternenglanz und Kerzendocht, in der Küche die Hexe kocht, Zauberhände erscheint im Nu und bereitet dieses Rezept gleich zu.“ Wie aus dem Nichts erschienen plötzlich in der Luft über dem Buch zwei weiß behandschuhte, feminine Hände. Tara und ihre Mutter verließen die Küche, um die emsigen Hände beim Kochen nicht zu stören. Von der Küchentür aus beobachteten sie das magische Treiben. Während eine Hand graziös mit dem Zeigefinger auf die erste Zutat im Rezept, Mehl, zeigte, öffnete sich auf der Handinnenfläche der anderen Hand ein großes Auge, aus dessen Pupillen rote Laserstrahlen herausfuhren. Diese suchten in der Küche die Zutaten ab. Beim Abscannen der Küche wurde die Hand schnell fündig, als sie das Mehl hinter einer kleinen Tür in einem Schränkchen registrierte. Obwohl diese geschlossen war, konnte man die Zutat durch die Schranktür sehen, da das rote Licht für einen kurzen Moment das Dahinterliegende offenbarte. Nachdem die Hand das Mehl gefunden hatte, erlosch das rote Leuchten und die andere Hand auf dem Rezept wandte sich freudig der nächsten Zeile zu. Die nächste Zutat war Milch. Die Scannerhand suchte fleißig, ob in der Küche Milch vorhanden war. Als die roten Laserstrahlen auf den Kühlschrank trafen und diesen sofort durchleuchteten, wurden sie fündig. Doch bei der nächsten Zutat, den Eiern, tauchte ein Problem auf. Egal, wie oft die Hand ihren roten Scannerstrahl losschickte, er traf auf keine Eier. Rot blinkend schwebte die Rezept suchende Hand in Richtung Samantha, die schon ahnte, was jetzt kommen würde. Tara verschränkte pikiert ihre Hände, da sie wusste, dass es doch wieder auf Kartoffel-Linsen-Hexeneintopf hinauslaufen würde. Die nun rot behandschuhte Hand blieb vor Samantha in der Luft stehen und wandte ihr, wie bei einem Stoppzeichen, die Handinnenfläche zu. Das große Auge verschwand und kurz darauf waren nun schwarze Lippen inmitten der Handfläche zu sehen. „Verehrte Kochhexe, das Rezept kann aufgrund des Fehlens von Eiern nicht zubereitet werden. Entweder besorgen Sie sich Eier, damit wir mit dem magischen Kochen des Rezepts fortfahren können, oder Sie wählen ein neues Rezept aus, hoffentlich diesmal mit vorhandenen Ingredienzien.“ Tadelnd hob die Hand einen Zeigefinger, um die Hexe zu rügen. Der Mund sprach weiter: „Wie gedenken Sie fortzufahren?“

Tara blickte zu ihrer Mutter. „Mama, wie ich sehe, müssten wir mal wieder einen Großeinkauf machen. Sonst wird das wohl nichts mit den magischen Kochbüchern. Das ist ja voll doof, nur weil Eier fehlen, kommen wir nicht in den Genuss von Pfannkuchen. Können wir nicht Penelope fragen, ob sie uns …“

„Nein, auf keinen Fall“, schnitt Samantha ihr das Wort ab. „Sie ist mir einfach nicht geheuer. Außerdem könnte sie die Eier verfluchen und uns damit krank machen. Möchtest du das?“

„Man kann es auch übertreiben, Mama.“ Penelope war die Nachbarhexe, mit der sich Samantha nicht gut verstand. Tara war schon oft Zeugin der Zwistigkeiten gewesen, die zwischen ihrer Mutter und ihrer Nachbarin stattgefunden hatten. Doch sie konnte der Vorstellung nichts abgewinnen, dass Penelope auf die kranke Idee mit den verfluchten Eiern kommen könnte. Tara seufzte.

„Ohne Eier keine Pfannkuchen“, sprach Samantha. „Im Pfannkuchenrezept stehen halt Eier drin und wie du weißt halten sich die Kochhände penibel daran. Auch wenn nur eine Zutat eines Rezeptes fehlt, schalten sie auf stur und bereiten das Gericht nicht zu. Das Einzige, was ich gut kann, ist, Apfelküchlein herzustellen, aber ohne Eier wird das wohl auch nichts mit deinem Lieblingsessen. Und ich erinnere mich jetzt, dass ich heute früh die letzten Eier verbraucht habe, als ich dir Apfelküchlein zum Frühstück gebacken habe.“

„Kann man denn Pfannkuchen oder Apfelküchlein nicht ohne Eier machen?“, wollte Tara wissen.

„Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht. Ich bin keine gute Köchin. Anderenfalls hätte ich ja keine magischen Kochbücher besorgt.“

„Wie gedenken Sie fortzufahren?“, wiederholte die Hand ungeduldig, da Samantha sich immer noch nicht geäußert hatte.

Standard

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s