#Kurzgeschichte „Endstation Neues Leben“ ~~~ #lesen #fantasie #fantasy #wiedergeburt

#lesen #fantasie #fantasy #wiedergeburt

Heute gibt es von uns eine Kurzgeschichte, die wir mal geschrieben haben. Es geht um Wiedergeburt. Viel Spaß beim Lesen!

Euer

Ago und Torsten

 

Endstation Neues Leben

 

Im Himmel vor dem lichtdurchfluteten Schalter irrlichterte es. Die Schlange mit den regenbogenfarbigen Lichterkugeln, die vor dem Transformationsschalter anstanden, war lang. Manche der Tierseelen waren ungeduldig und zitterten nervös, andere wiederum hatten die Ruhe weg und warteten geduldig in der Reihe, bis sie dran waren. Die Seelen konnten kaum die Zugfahrt abwarten.

Die hübsche Einhorndame hinter dem Schalter arbeitete zügig, aber bestimmt, die Kundenschlange vor ihr ab. Jedes Licht wählte eine Tierart, die es im nächsten Leben sein wollte. Nachdem sich eine Tierseele entschieden hatte, berührte das Fabelwesen das Licht mit seinem perlmuttfarbenen glänzenden Horn und im nächsten Moment manifestierte sich die Gestalt. Dasselbe Prozedere geschah mit einer Tierseele, die diesmal unbedingt ein Zebra werden wollte. Bei ihrer letzten Zugfahrt hatte sie sich für das Leben einer Eintagsfliege entschieden, was ihr jedoch kaum Erfüllung brachte. Diesmal sollte es ein langlebiges Tier sein, eben ein Zebra. Das Tier stieg trampelnd in den riesigen Zug.

Eine neue Seele war an der Reihe. Das Einhorn sagte zu der nervös flackernden Kugel: »Ah, Sie schon wieder! Bitte sagen Sie mir, dass Sie sich diesmal für eine neue Tierart entscheiden und nicht erneut, wie die letzten drei Male davor, ein langweiliges braunes Wildpferd wählen. Etwas mehr Abwechslung wäre angebracht.«

»Was würden Sie mir empfehlen?«, fragte die Tierseele neugierig.

»Vielleicht eine Kuh?« Das Einhorn blinzelte verschwörerisch der Regenbogenkugel zu.

»Vielleicht haben Sie recht, ich war schon so oft ein Wildpferd. Na gut, dann versuche ich es halt mal als Kuh. Ich wollte schon immer mal wissen, wie es ist, gemolken zu werden.«

Die lange Reihe der wartenden Seelen wurde immer ungeduldiger.

Eine glitzernde Kugel fragte gehässig: »Geht’s endlich mal voran? Ich habe hier nicht alle Zeit der Welt und kann es kaum erwarten, endlich wiedergeboren zu werden.«

»Ja, genau, ein bisschen schneller, wenn es geht!«, pflichtete eine andere Seele der leuchtenden Kugel bei.

Das Einhorn versuchte aus seinem Schalter heraus zu beschwichtigen: »Nur die Ruhe, jeder kommt dran. Im Zug der Seelen ist Platz für jeden. Der Zug fährt erst ab, wenn jeder von euch metamorphosiert wurde. Und außerdem bin ich nur ein Schalter von Hunderten. Ihr könnt euch also auch an den anderen Schaltern anstellen, wenn ihr mögt.«

Die Unruhe in der wartenden Schlange verstummte. Alle Seelen reihten sich ordentlich ein und warteten wieder geduldig. Dienstbeflissen wandte sich das Einhorn dem Licht zu. Mit einer kurzen Berührung seines Horns verwandelte sich das Licht in eine Kuh, die daraufhin in den Zug einstieg.

Das himmlische Gefährt besaß keine Sitzplätze. Oder hat schon mal jemand eine Kuh sitzen gesehen?

Die hinter der Kuh stehende Giraffe kicherte leise, als sie das Euter der Kuh hin- und herbaumeln sah. Auch eine kleine Maus, die auf dem Kopf eines Elefanten Platz genommen hatte, konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Der Zug, der kein Dach besaß, war schon zu drei Vierteln mit Tieren gefüllt. Wenn man nach oben blickte, sah man die unendliche Weite des Firmaments. Es war atemberaubend schön.

Ein Zugbegleiter in Form eines Schimpansen, der einen roten Livree mitsamt roter Mütze trug, schob einen schwer mit Essen beladenen Servierwagen vor sich her. »In der Mitte bitte Platz machen!«, sagte der Affe laut. »Auch Sie, Fräulein Kuh, Ihr dicker Hintern steht im Weg.«

Der Paarhufer machte Platz und sagte eingeschnappt: »Unerhört!«

Neben der Kuh nahm der nächste Passagier Platz, eine Hyäne. Mittlerweile waren alle nur erdenklichen Tierarten im Zug vertreten. Es gab Gorillas, Wildschweine, Eulen, Katzen, Löwen, Leoparden, Tiger, Schakale, Hunde und noch Tausend andere.

Alle Zugtüren schlossen sich mit einem wohlklingenden Gong und der Zug begann seine immer schneller werdende Fahrt. Eine geschlechtlose Stimme ertönte: »Willkommen auf der Fahrt in Ihre neue Existenz! Dieser Zug fährt ohne Halt direkt zur Endstation Neues Leben.«

Alle Reisenden freuten sich darauf.

Der Servieraffe teilte jedem Tier eine für ihn entsprechende Einstimmungskarte aus, damit es seine neu gewählte Tiersprache lernen konnte.

Ein Hahn krähte darauf munter los. Ein Schwein grunzte. Eine kleine weiße Ziege meckerte. Es gab ein kurzes Durcheinander, nachdem der Affe die Karten von der Maus und dem Elefanten verwechselt hatte. Der Gigant guckte ungläubig, als er zu piepsen versuchte, und die Maus ebenso, als diese plötzlich laut trompetete. Daraufhin wechselten sie die Karten.

Alle Tiere sprachen mittlerweile aufgeregt in ihren gelernten Stimmen durcheinander.

Ein weißes Huhn, das neben der Giraffe saß, blaffte diese von unten herauf an: »Eine absolute Frechheit! Pah, wegen solchen wie Ihnen, die denken, dass sie etwas Besonderes sind, hat der Zug keine Decke. Ich werde ein nasses Federkleid haben, wenn es regnet.«

Ein Zebra, das hinter ihnen stand, antwortete für die ungläubig dreinblickende Giraffe: »Machen Sie mal halblang, Frau Huhn, sonst legen Sie vor lauter Aufregung noch unverhofft ein Ei. Wir befinden uns über den Wolken und nicht unter ihnen, ergo kann es auf uns nicht regnen!«

Das gehässige Huhn verstummte augenblicklich.

Ein Geraune ging durch die Menge, als die Tiere eine Frau bemerkten, einen Menschen! Alle seelenmitfahrenden Inkarnationen waren entsetzt. Dies war ungeheuerlich und schon lange nicht mehr geschehen, dass sich eine Tierseele für ein Dasein als Mensch entschieden hatte. Niemand von den weisen Existenzen wünschte sich normalerweise, als diese verhassten Menschen geboren zu werden.

Die Frau, die vollkommen nackt war, galt unter fast allen Tieren auf der Zugfahrt als Paria und wurde deswegen von allen Seiten angegiftet und angefeindet, nur die Maus und der Elefant hielten sich zurück.

»Du kannst neben mir Platz nehmen«, sagte der Elefant.

»Danke, das ist sehr lieb von dir.«

»Wieso willst du ein Mensch werden?«, fragte die Maus herab.

»Ich bin eine junge Seele, müsst ihr wissen.« Die Frau blickte die Maus und den Elefanten abwechselnd an. »Alles ist neu für mich. Es ist meine erste Zufahrt. Ich hatte ein informatorisches Gespräch mit dem Einhorn, das mir sagte, dass ich auch ein Mensch werden könne. Ich bin einfach so neugierig, wie es ist, ein Mensch zu sein.«

»Wir haben nun die Wolkendecke durchbrochen«, ertönte es plötzlich aus den Lautsprechern.

Alle transformierten Seelen johlten und jubilierten, denn sie wussten, bald war es so weit.

Der Affe hatte alle Hände damit zu tun, den Tieren Nahrung zu geben. Als er einem Löwen ein Blatt zu fressen gab und das Tier es ausspuckte, sagte der Affe im entschuldigenden Ton: »Oh, das ist mir jetzt wirklich peinlich. Bitte entschuldigen Sie vielmals, mein Herr! Das Blatt war für die Raupe gedacht. Sie erhalten natürlich Fleisch. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diesen kleinen Zwischenfall nicht melden würden.« Der Affe warf ein Stück Fleisch vor dem Löwen, der sich gierig darauf stürzte.

Die Fahrt wurde indessen etwas wacklig. Es war ein Zeichen dafür, dass der Zug sich der Endstation näherte. Alle Insassen wurden durchgeschüttelt. Das Huhn gackerte wie verrückt.

»Wir entschuldigen uns vielmals für die Turbulenzen!«, echote es durch den Zug. »Machen Sie sich bitte bereit für Ihr neues Leben, begrüßt es und haltet es immer heilig! Ihr werdet bald geboren!«

Einige der Tiere lösten sich einfach in Luft auf. Es war kein gutes Zeichen, denn diese Tiere starben bereits im Mutterleib. Alles würde für sie von vorne beginnen, sie würden sich als Seelenlichter wieder am Schalter anstellen müssen und auf einen neuen Himmelszug warten.

Dies traf unter anderem die Eintagsfliege, die sich für ein langes Leben als Zebra entschieden hatte. Als Eintagsfliege in ihrem früheren Leben hatte sie ein längeres Leben gehabt als das Leben eines Zebras, das schon im Mutterleib gestorben war. Niemand konnte wissen, wie das Schicksal so spielt.

Plötzlich war der Zug mit gleißendem Licht gefüllt und jedes Tier, das die Zugfahrt im wahrsten Sinne des Wortes überlebt hatte, wurde gesund geboren. Dasselbe galt auch für den Menschen.

Die Hebamme hielt das frische Baby in ihren Armen und legte es behutsam der erschöpften Mutter auf die Brust. Diese umarmte es und zog es dicht an ihr Herz. Der stolze junge frischgebackene Vater stand daneben. Er war bei der Geburt dabei gewesen.

Die glückliche Mutter streichelte das kleine Köpfchen ihres Babys und sagte: »Willkommen in der Welt, Kathleen. Ich hoffe, dass dir der Name gefällt.«

Und Kathleen würde sich in ihrem jetzigen Leben nie an den Himmelszug erinnern, dessen Fahrgäste allerlei Tierarten waren.

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