HAPPY HALLOWEEN! 3 Halloween-Geschichten gratis auf meinem Blog

 

Hallo, ihr Lieben,
heute ist Halloween! Ich wünsche jedem, der heute feiert, einen tollen Gruselspaß. Ich feiere heute mit meiner damaligen Arbeitskollegin bzw. guten Freundin und ihren Freunden. Wird bestimmt lustig.
Ich poste hier drei Halloween-Geschichten, die ich früher mal geschrieben habe. Viel Spaß beim Lesen!
Liebe Grüße, bleibt gesund!
Ago
© by Agic Ago
Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten.
Egregor
Der kleine Junge blickte voller Vorfreude zu seiner Mutter auf. Sie stand in der Küche und war gerade dabei, einen Teller abzuspülen, wobei klackend ihre bunten Armreife durch die Bewegung an den Teller stießen. Aus ihren zu einem Dutt hochgesteckten Haaren löste sich durch die Bewegung eine widerspenstige Strähne und hing ihr vors Gesicht.
»Wann gehen wir endlich den Kürbis kaufen?«, fragte der Junge laut. Seine Mutter schrak dermaßen zusammen, dass sie den soeben abgespülten Teller ins Spülbecken fallen ließ, wo er klirrend in zwei Teile zerbrach, als er auf andere Teller traf. Durch dieses Geräusch aufgeschreckt zuckte der Bub zusammen.
Sie blickte böse zu ihm herab. »Justin, was soll das? Du hast mich zu Tode erschreckt. Habe ich dir nicht gesagt, dass du dich vorher mit Klopfen am Küchentürrahmen ankündigen sollst, wenn du siehst, dass ich in der Küche beschäftigt bin?! Wie oft soll ich dir das noch sagen? Du weißt doch, wie schreckhaft ich bin.«
»Entschuldigung, Mama«, sagte Justin leise.
Sie blickte zurück zur Spüle und atmete kurz tief durch, um sich zu beruhigen. Vorsichtig nahm sie mit spitzen Fingern die zerbrochenen Teile des Tellers und warf sie in den Mülleimer, der sich in einem kleinen Schrank unterhalb der Spüle befand.
Sie nahm den halb vollen Müllbeutel aus dem Mülleimer, knotete ihn zusammen, verließ die Küche und stellte den Müllbeutel im Gang vor die Eingangstür ab. Justin war ihr bis in den Hausflur gefolgt. Normalerweise entsorgte sie immer nur volle Müllbeutel, aber aus Sicherheitsgründen verfuhr sie diesmal anders. Sie kannte Justin natürlich in und auswendig und wusste, wie neugierig der Junge war und dass er ansonsten in den Müllbeutel gegriffen hätte und sich dabei an den Scherben des Tellers verletzt hätte. Sie ging auf Nummer sicher, da sich Justin vor zwei Jahren, als er acht Jahre alt war, eine markante Narbe an der rechten Hand zugezogen hatte, als ihm einmal eines ihrer wertvollen Kristallgläser, die sie über alles liebte, herunterfiel, sie darauf schimpfend reagiert hatte und es anschließend in den Mülleimer beförderte. Justin hatte sich so große Vorwürfe darüber gemacht, dass er das Kristallglas mit den bloßen Fingern wieder herausgefischt hatte, um es ganz zu machen, indem er die zerbrochenen Seiten mit Klebstoff aneinanderzukleben versuchte und sich dabei diese Narbe zugefügt hatte.
»Tut mir leid wegen dem Teller. Soll ich es wieder zusammenkleben? Diesmal passe ich auch auf.«
Seine Mutter tätschelte seinen blonden Lockenkopf. »Das ist lieb, Justin, aber ich glaube, das wäre keine gute Idee.« Sie zwinkerte ihm zu. Sie wusste, vor allem er wusste, wie weh es ihm damals getan hatte. Damals musste sie ihn sogar ins Krankenhaus fahren, damit die Wunde genäht werden konnte.
Justin blickte auf seine Armbanduhr. »Mama, lass bitte das Spülen sein! Es ist schon spät, der Supermarkt macht bald zu.«
Seine Mutter blickte ebenfalls auf die Uhr des Kindes und stellte mit Erschrecken fest, dass der Supermarkt in einer halben Stunde schließen würde. »Ach du meine Güte, du hast recht. Ich habe die Zeit ganz vergessen.«
»Ja deswegen habe ich dich vorhin gefragt, wann wir den Kürbis kaufen gehen.«
»Ist es wirklich notwendig, dass wir diesen blöden Kürbis noch besorgen? Geht es nicht ohne? Dann sparen wir uns nämlich eine Menge Stress.« Seine Mutter hielt nicht viel von Halloween. Für sie war es ein ganz normaler Tag wie jeder andere auch.
Justin verschränkte pikiert die Arme und zog einen Schmollmund.
Der Blick ihres Sohnes erweichte ihr Mutterherz. »Ist ja schon gut, wir gehen den Kürbis noch holen.«
Mit einem lauten Jubelschrei sprang Justin förmlich in seine Kinderjacke und seine Schuhe, wickelte seinen Schal um seinen Hals und setzte seine Pudelmütze auf. Er zog sich extra warm an, da es draußen bitterkalt war. Da er es besonders eilig hatte, nahm er den flauschigen Mantel seiner Mutter vom Garderobenhaken und streckte ihn ihr freudig empor.
Sie lächelte ihn liebevoll an, drehte ihm den Rücken zu, ging etwas in die Hocke und schlüpfte mit den Armen in die Ärmel.
»Ein richtiger Gentleman«, sagte sie mit Humor in der Stimme.
Danach richtete sie sich wieder auf und knöpfte mit flinken Fingern den Mantel zu. Anschließend schlüpfte sie in moderne Stiefel und verließ den Hausflur.
»Mama, wo gehst du hin?«, fragte er ihr hinterher. Er ging ihr etwas nach und sah, dass sie gerade in die Küche verschwand. »Für Abspülen ist doch keine Zeit.«
Ein paar Sekunden später verließ seine Mutter die Küche und kam zurück. »Ich wollte nicht abspülen. Ich habe mich nur vergewissert, ob die Herdplatten auch alle aus sind. Sicher ist sicher.«
»Ach so. Können wir jetzt endlich gehen?«
»Ja, ja, immer mit der Ruhe.«
Sie nahm den Hausschlüssel vom Schlüsselbrett, packte mit der anderen Hand den Müllbeutel, verließ mit ihrem Sohn das Haus und sperrte von draußen die Haustür ab. Die Innenbeleuchtung im Haus hatte sie angelassen, damit es den Anschein machte, als wäre jemand daheim, um eventuelle Einbrecher abzuschrecken.
Justin lief etwas vor, machte Halt, drehte sich um und ging langsam rückwärts. »Mama, beeil dich!« Er klatschte ein paar Mal auffordernd in die Hände. »Der Supermarkt macht sonst zu und wir haben keinen Halloweenkürbis. Ein Halloween ohne Kürbis ist kein richtiges Halloween.«
»Sei nicht so ungeduldig. Du siehst doch, dass ich erst den Müll entsorgen muss. Wir werden schon rechtzeitig in den Supermarkt kommen.«
Justin drehte sich um, ging mit schnellen Schritten zur Mülltonne und hielt den Deckel auf. Als seine Mutter an der Mülltonne ankam, warf sie mit Schwung den Müllbeutel in die Tonne. Anschließend ließ Justin den Deckel zufallen. Es gab einen knallenden Laut, als der Deckel auf die Tonne fiel.
Seine Mutter nahm ihn an der Hand. Sie gingen einen kleinen Weg Richtung Straße entlang. Ihr Atem stand nebelgleich vor ihren Gesichtern und zeugte von der kalten Nacht. Nebelschwaden, die vom Fluss aufstiegen, der schlangenförmig in der Nähe des Weges verlief, tauchten die Landschaft in eine geisterhafte Atmosphäre. Die Bäume waren kahl, und die Äste wirkten wie verkrüppelte Finger, als wollten sie nach einem greifen. Einige Nebelschwaden schwebten geisterhaft zwischen den kahlen Bäumen. Es war eine perfekte Halloween-Nacht.
Am Straßenrand angekommen schaute Justins Mutter zweimal hintereinander nach links und nach rechts, bevor sie mit ihrem Sohn die Straße überquerte. Obwohl in beiden Richtungen keine Autos auszumachen waren, auch nicht einmal ein weit entferntes Licht, ein Zeichen für ein sich näherndes Fahrzeug, schaute Justin dennoch pausenlos nach links und nach rechts, bis sie den Gehweg auf der gegenüberliegenden Seite erreichten.
Er war deswegen so übervorsichtig, da vor fast genau drei Wochen ein gutes Stück weiter auf derselben Straße sich ein schrecklicher Unfall ereignet hatte, als ein 13-jähriges Mädchen – von den Kindern in der Nachbarschaft wurde sie nur abfällig Grufti genannt, da sie hauptsächlich in schwarzen Klamotten herumgelaufen war – von einem Auto erfasst wurde, als sie gerade dabei war, die Straße zu überqueren. Der 17-jährige Fahrer war mit 80 km/h unterwegs, 30 km/h zu schnell. Erst als das Abblendlicht seines gebrauchten Mazda2 das schwarz gekleidete Mädchen beleuchtet hatte, bemerkte er sie auf der Straße. Trotz sofortiger Bremsung hatte er sie seitlich erfasst. Sie wurde in Sekundenschnelle auf die Motorhaube gehoben, wo sie mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe prallte. Als das Auto aufgrund des Bremswegs erst nach einigen Metern zum Stillstand kam, wurde das Mädchen zurück auf die Straße geschleudert, wo sie schwer verletzt liegen blieb. Der geschockte Fahrer hatte den Notruf abgesetzt, war ausgestiegen und zu ihr hingeeilt. Als er bemerkt hatte, dass sie keine Lebenszeichen von sich gab und reglos dalag, versuchte er, das Mädchen zu reanimieren, bis der Krankenwagen eintraf. Doch jede Hilfe kam zu spät; ihre Kopfverletzungen waren so stark, dass das Mädchen noch am Unfallort ihren schweren Kopfwunden erlag. Aufgrund des schweren Unfalls fand ein paar Tage später an der Unfallstelle eine Verkehrsaufklärung statt, die vor allem an Kinder gerichtet war. Polizeibeamte hatten den jungen Besuchern demonstriert, wie nützlich helle Kleidung oder reflektierende Materialien an der Jacke sein können. Auch Informationsblätter wurden verteilt. Darin wurden Autofahrer explizit darauf hingewiesen, sich strikt an Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten, damit sich solche Unfälle nicht wiederholen.
In der Nähe des Unfallorts unter einer Straßenlaterne erinnerte ein Holzkreuz, ein Meer aus Grablichtern und schwarze Rosen, ihre Lieblingsblumen, die ihre trauernden Eltern, Verwandte und Passanten niedergelegt hatten, an den schrecklichen Unfall. Freunde hatte das Mädchen nie gehabt, sie war eine Einzelgängerin. Auch wenn Justin kein Freund von dem Mädchen war, hatte er gemeinsam mit seiner Mutter als Zeichen ihres Mitgefühls ebenfalls Grablichter niedergelegt. Er hatte das Mädchen nur flüchtig gekannt. Sie war ihm irgendwie unheimlich. Von anderen Kindern hatte er nämlich gehört, dass sie sich oft im nahe gelegenen Friedhof aufgehalten hatte, nicht um ein Grab eines Verwandten aufzusuchen, sondern nur einfach so den Friedhof aufgesucht hatte. Dass ihre schwarze Kleidung nur ein Hilferuf für ihre traurige Seele gewesen war, da es immer nur Streit in der Familie gab, davon hatten die Kinder keine Ahnung. Dieses düstere Outfit hatte sie gewählt, um zu zeigen, wie sie sich im Inneren gefühlt hatte. Nun befand sie sich für immer auf diesem Friedhof, wo sie beerdigt wurde, an dem einzigen Ort, an dem sie zu Lebzeiten Ruhe fand, wenn wieder einmal ihre Eltern wegen Belanglosigkeiten gestritten hatten. Niemand hatte davon jemals Kenntnis erlangt, auch Justin nicht, sodass für die Nachbarskinder das Mädchen als Grufti in Erinnerung bleiben würde – eben nur als das seltsame Mädchen.
Dieser schreckliche Unfall hatte Justins Mutter dazu veranlasst, ihren Sohn noch einmal explizit zu instruieren, dass er beim Überqueren einer Straße besonders gut achtgeben sollte und auf keinen Fall nachlässig sein sollte, von wegen die Autofahrer würden schon anhalten, wenn sie jemanden auf der Straße sehen würden.
Justin ging schneller und zog seine Mutter regelrecht hinterher. Es war Viertel vor acht, als sie in den Supermarkt kamen. In fünfzehn Minuten würde der Laden schließen.
Er registrierte eine Mitarbeiterin im Laden, die gerade im Begriff war, Schokoladentafeln in das Regal einzuräumen. Sie hielt in der Bewegung inne, als sie bemerkte, dass er zu ihr hinlief. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie störe. Wo finde ich denn bitte Kürbisse?«
Die dunkelhäutige Frau blickte zu ihm herab und lächelte ihn liebevoll an. »Da musst du dich beeilen, junger Mann. Gleich da um die Ecke findest du die Obst- und Gemüseabteilung.« Sie zeigte mit ihrem linken Zeigefinger zum Ende des Regals.
Das ließ sich Justin nicht zweimal sagen und lief mit einem freudigen »Danke!« zur Obst- und Gemüseabteilung.
Justins Mutter ging gemäßigten Schrittes zu der Regalauffüllerin. »Tut mir leid, dass mein Sohn Sie bei der Arbeit gestört hat.«
Sie blickte sie aus großen braunen Augen an. »Das hat er nicht. Sie haben einen wohlerzogenen Jungen. Ich wünschte, meine Tochter hätte halb so viel Anstand wie Ihr Sohn.«
»Danke! Nichtsdestotrotz benimmt er sich manchmal wie ein Tornado und hinterlässt Verwüstungen. Ich glaube, ich gehe ihm am besten hinterher, bevor er noch eine Dummheit anstellt.«
Die dunkelhäutige Frau lächelte und entblößte dabei ihre strahlend weißen Zähne. Als Justins Mutter in der Obst- und Gemüseabteilung ankam, bemerkte sie ihren Sohn vor einer tiefergelegten Theke, auf der nur ein einziger Kürbis stand. Er umklammerte den großen Kürbis mit seinen beiden kleinen Armen, hielt ihn schützend an sich gedrückt, damit kein anderer ihn mehr an sich reißen konnte.
Als er seine Mutter auf sich zukommen sah, sagte er freudestrahlend: »Da haben wir echt Glück gehabt, der letzte Kürbis.« Der große Kürbis war etwas deformiert und zeugte von minderer Qualität. Vielleicht wollte ihn deshalb keiner kaufen. Justin war das aber egal, zum Kürbisschnitzen würde man ihn bestimmt noch verwenden können.
Seine Mutter betrachtete den Kürbis argwöhnisch. »Schön schaut er nicht aus, findest du nicht?«
»Und wenn schon«, erwiderte Justin. »Mein Kürbis ist halt missgebildet. Das passt doch zu Halloween. Wenn ich ihm erst mal ein Gesicht verpasse, dann ist er bestimmt gruselig. Dann können die anderen Kürbisgesichter einpacken.«
»Wenn du meinst. Dann bringen wir mal den Burschen zur Kasse. Justin, lass ihn mal kurz los!« Sie ging um die Theke zu ihrem Sohn. Er tat, wie ihm geheißen, ließ den Kürbis aus seiner Umklammerung los und ging ein paar Schritte zur Seite, um Platz für seine Mutter zu machen. Sie versuchte, den Kürbis hochzuheben, doch er wog zu viel, sodass sie ihn langsam wieder abstellte.
»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ein großer Mann. Sie blickte ihn an. Sie, ein Meter fünfundsiebzig groß, musste zu ihm hinaufblicken. Er war augenscheinlich zwei Meter groß. Der Hüne hatte kurz geschnittene blonde Haare, blaue Augen und trug einen langen schwarzen Mantel. In den Händen hielt er zwei Tetrapackungen Tomatensaft. In seinen großen Händen wirkten die Säfte wie Miniaturpackungen. »Wissen Sie noch, wer ich bin?«
Der ist aber charmant und sieht gut aus, dachte sie. Um attraktiver auf ihn zu wirken, wandte sie gekonnt die Waffen einer Frau an. Sie entfernte die lange Nadel, die ihren Dutt zusammenhielt und steckte sie unbemerkt in ihre hintere Gesäßtasche. Sie fuhr sich dann mit ihrer Hand aufreizend durch ihre braunen Haare, die ihr nun locker luftig auf die Schultern fielen. Ihre Gesichtszüge wurden sehr weich. Mit einer warmen Stimme sagte sie: »Ich bin mir nicht sicher.«
Der Mann machte kurz große Augen, als er die wunderschöne Frau vor sich wahrnahm. »Der Elternabend«, sagte er, um ihr auf die Sprünge zu helfen.
»Ja, jetzt, wo Sie es sagen. Saßen Sie nicht neben mir? Wenn ich mich recht erinnere, sind Sie der Vater von Justins Schulkameradin Amelie. Ihr Name ist Herr Schuster, richtig?«
»Alles richtig!«
Justin warf seinen Kopf in den Nacken, um dem großen Mann in die Augen blicken zu können. »Wie geht es denn Amelie? Ist sie auch hier?«
Er blickte zu Justin herab. »Danke, ihr geht’s gut. Sie ist nicht hier, sondern daheim und höhlt ihren Kürbis aus.«
»Das werde ich auch bald machen«, sagte Justin in erwartungsvoller Vorfreude. »Habt ihr euren Kürbis auch von hier gekauft?«
Der große Mann nickte.
»Heute?«
»Nein, vor etwa vier Tagen.«
Der Junge blickte fragend auf die Tetrapackungen. »Machen Sie Diät?«
Der Mann lachte. »Du meinst wegen den Tomatensäften, oder?«
Justin nickte.
»Nein, die soll ich kaufen, weil Amelie mich darum bat. Sie möchte unbedingt bei ihrer Halloweenfeier zur Begrüßung jedem ein Glas Tomatensaft geben und würde behaupten, dass das echtes Blut wäre. Dieser Gag ist ihr kurzfristig eingefallen, sodass ich schnell noch die hier gekauft habe.«
Justins Mutter verzog angeekelt das Gesicht.
»Cool«, sagte Justin. Er blickte seine Mutter an. »Mama, kaufen wir auch Tomatensaft?«
Sie blickte ihn bemitleidend an. »Justin, du weißt doch, dass das nicht geht.«
»Ach menno! Stimmt ja, die blöde Allergie.«
Der Hüne blickte wieder zur Frau herab. »Wenn Sie einverstanden sind, Frau Mohn, helfe ich Ihnen beim Tragen. Wie ich sehe, haben Sie keinen Einkaufswagen dabei.«
Sie blinzelte ihn kokett an und fühlte sich sichtlich geschmeichelt, dass er noch ihren Nachnamen in Erinnerung behalten hatte. »An den Einkaufswagen habe ich vor lauter Eile dummerweise nicht gedacht.«
»Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich den Kürbis sogar bis in Ihre Wohnung tragen. Das würde mir wirklich nichts ausmachen. Wir haben ja den gleichen Nachhauseweg. Ich wohne auch im Lilienweg. Hausnummer 7.«
»Stimmt. Das haben Sie mir ja beim Elternabend gesagt. Justin und ich wären Ihnen wirklich dankbar, oder Justin?«
»Das wäre echt super«, erwiderte der kleine Junge.
Nun machte Justins Mutter Platz. Als der Mann Anstalten machte, seine Waren neben dem Kürbis abzulegen, um den Kürbis tragen zu können, nahm sie ihm die beiden Packungen Tomatensaft ab. »Die trage ich für Sie.«
Er lächelte sie liebevoll an. Dann trat er vor die Theke und hob den Kürbis mit Leichtigkeit auf. Anschließend gingen sie zu dritt Richtung Kasse. Glücklicherweise gab es keine große Warteschlange. Sie stellten sich hinter einer Frau und ihrem Mädchen an. Irgendwie kam Justins Mutter der blonde Frauenkopf mit der komplizierten Frisur bekannt vor. Das kann nur Susanna sein, dachte sie. Susanna war eine gute Bekannte von ihr, die sie schon ewig lange nicht gesehen hatte. Neben ihr stand ein kleines Mädchen in Justins Alter. Sie nahm an, dass es ihre Tochter Loreen war, die sie noch gut als Kleinkind in Erinnerung hatte. Sie war etwas größer als Justin.
Da Justins Mutter beide Hände voll hatte, stupste sie die Frau vor ihr kurz mit dem Ellenbogen an. Daraufhin drehte sie sich komplett zu ihr um. Nun sah man, dass sie einen kleineren Kürbis trug. Das Mädchen neben ihr drehte sich ein paar Sekunden später ebenfalls in dieselbe Richtung wie ihre Mutter.
Die Frau mit der komplizierten Frisur, als hätte sie Stunden vor dem Spiegel verbracht, diese Haarpracht zu zaubern, blinzelte ein paar Mal, als hätte sie etwas in die Augen bekommen. »Cornelia? Bist du das? Was für eine Überraschung. Lange nicht gesehen.« Sie blickte zu Justin herab. »Ist das Justin? Bist du aber groß geworden.« Justin war sich sicher, dass diese Frau seinen Kopf beziehungsweise seine Pudelmütze getätschelt hätte, wenn sie den Kürbis nicht getragen hätte.
»Hallo«, erwiderte er zurück. Er konnte sich an die Frau nicht erinnern, deswegen sagte er nicht viel. Als er noch ein Kleinkind war, hatte sie oft auf ihn aufgepasst, doch Justin erinnerte sich nicht mehr daran, da er damals viel zu klein gewesen war. Irgendwann ging der Kontakt zwischen Cornelia und Susanna verloren, als Susanna weggezogen war.
Susannas Tochter, die lange blonde Haare bis zum Po hatte, sie sahen sehr gepflegt aus, lächelte Justin schüchtern an. Er errötete, sodass sein Gesicht beinahe der roten Farbe der abgebildeten Tomaten auf den Tetrapackungen ähnelte.
»Susanna, bist du wieder hergezogen?«
Susanna blickte zu Justins Mutter zurück. »Nein, nur zu Besuch bei meiner Schwester. Sie wohnt hier in der Nähe. Wie hast du mich eigentlich von hinten erkannt? Doch nicht etwa an meinem dicken Po?« Cornelia war sich nicht sicher, ob sie das als Scherz auffassen sollte, da Susanna tatsächlich einen dicken Hintern besaß. Diesen hatte sie auch schon damals besessen, als Cornelia und Susanna noch gut in Kontakt standen.
Das kleine Mädchen kicherte leise hinter vorgehaltener Hand. Justin versuchte, ein Kichern zu unterdrücken.
»Ach Gott, nein. Deine Frisur. So hast du sie damals auch oft getragen. Das ist mir in Erinnerung geblieben. Steht dir echt gut.«
»Danke!« Susanna blickte kurz zum Mann hinauf, dann zum Kürbis und schließlich wieder zu Cornelia. »Wollt ihr wirklich diesen Kürbis mit den Anomalien kaufen? Ich meine, der sieht aus, als wäre er durch viele Hände gegangen.«
»Ja, wollen wir«, sagte Justin etwas im barschen Tonfall. »Ich finde ihn schön.«
Seine Mutter blickte ihn rügend an. »Justin, nicht in diesem Ton!« Sie blickte zu Susanna zurück. »Er hat das nicht so gemeint. Es ist der einzige Kürbis, der da war.«
»Na ja, kein Wunder«, sagte Susanna schnippisch.
Eine energische befehlende Stimme ertönte: »Der Nächste, bitte! Wir wollen pünktlich um acht Uhr schließen.«
»Ja, ja, ist ja schon gut«, sagte Susanna kurz zur Kassiererin gewandt. Dann blickte sie wieder zu den anderen zurück, ließ ihren Blick über alle drei schweifen und sagte: »Ich wünsche euch ein fröhliches Halloween!« Sie drehte sich um und legte den Kürbis auf das Warenlaufband.
Cornelia wandte sich ihrem Sohn zu und sprach im leisen Ton: »Justin, dein Ton vorhin war wirklich nicht sehr nett. Du kannst doch auch anders, wie du es vorhin bei der netten dunkelhäutigen Frau bewiesen hast, die übrigens dein Verhalten äußerst lobenswert fand.«
»Entschuldigung«, sagte er und blickte verschämt zu Boden. Er wollte seiner Mutter eigentlich sagen, dass die Dame auch nicht sehr nett zu ihm war, als sie erwähnte, dass der Kürbis hässlich wäre. Das wollte er deshalb nicht zu ihr sagen, da er befürchtete, dass ihm seine Mutter dann den Kürbis nicht kaufen würde. Und er wollte doch unbedingt einen haben.
Als sie an der Reihe waren, bezahlte Cornelia den Kürbis und die Tomatensäfte an der Kasse. Der Mann wollte die Säfte selber bezahlen, doch Cornelia duldete keine Widerrede. Nach dem Bezahlen verließen sie, der Mann den Kürbis tragend, Justin die Tomatensäfte tragend, da er sie unbedingt tragen wollte, den Supermarkt.
Auf dem Weg zurück bemerkte Cornelia auf der anderen Straßenseite einen Kürbisstand, auf dem noch einige Kürbisse verteilt waren. Man konnte in einem metallenen Kästchen, das sich neben dem Stand befand, Münzgeld für den Kürbiskauf hineinwerfen.
»Schaut mal rüber! Ein Kürbisstand.« Sie zeigte mit ihrem Zeigefinger in die Richtung des Standes. »Na toll, hätte ich den vorher bemerkt, hätte ich mir den ganzen Stress sparen können.«
»Ist doch egal«, sagte Justin. »Ich bin mit meinem Kürbis zufrieden. Ich kann es kaum erwarten, ihm ein Gesicht zu verpassen. Außerdem, auch wenn du den Kürbis von diesem Stand gekauft hättest, hättest du den Kürbis doch nicht tragen können ohne Einkaufswagen.«
Cornelia und der Mann unterhielten sich angeregt über das Herbstwetter und wie kalt es jetzt schon plötzlich für diese Jahreszeit geworden war. Justin war überglücklich, dass er seinen Kürbis hatte, Anomalien hin oder her. Für ihn war es der schönste Kürbis der Welt.
Am Haus angekommen sperrte Cornelia die Tür auf. Kaum hatte sie die Tür aufgesperrt, betrat Justin blitzschnell den Flur, legte die beiden Tetrapackungen unterhalb der Kleiderhakenleiste auf den Boden ab, schlüpfte aus seinen Schuhen und hängte seinen Schal, seine Pudelmütze sowie seine Jacke an den Garderobenhaken. Danach verschwand er im Wohnzimmer, sprang auf die Couch, nahm die Fernbedienung vom Tisch und schaltete den Fernseher an. Ein Fernsehbericht über Halloween lief. Er stellte den Fernseher etwas lauter, weil ihn der Bericht interessierte.
»Das ist unhöflich, Justin. Man bittet als Erstes den Gast herein.«
Doch Justin sagte nichts, da er sie nicht gehört hatte, weil der Fernseher so laut lief.
Cornelia schenkte dem Mann ihr bezauberndstes Lächeln. »Kommen Sie doch bitte herein!« Mit ihrer Hand machte sie eine einladende Geste.
Da er so groß war, duckte er sich, bevor er in den Hausflur trat. Sie folgte ihm in das Haus und ließ dann hinter sich die Tür ins Schloss fallen.
»Wo soll ich ihn hinstellen?«
»Am besten in die Küche neben der Spüle, wenn es Ihnen keine Umstände bereitet.«
»Kein Problem.«
Er blickte kurz zu seinen Schuhen herab.
Cornelia lächelte. »Sie können die Schuhe ruhig anlassen.«
»Kommen Sie, ich bringe Sie zur Küche!«
Als sie voranging, machte sie kurz im Wohnzimmer Halt, als sie die Lautstärke des Fernsehers vernahm. Als sie stehen blieb, blieb der Mann hinter ihr ebenfalls stehen. Sie sagte laut zu Justin gewandt: »Mach bitte den Fernseher aus! Oder willst du deinen Kürbis nicht schnitzen?«
»Doch, doch«, sagte er schnell hintereinander, richtete die Fernbedienung auf den Fernseher und schaltete das Gerät ab.
Stille erfolgte augenblicklich. Nur das sanfte Plätschern des Zimmerbrunnens war zu vernehmen.
»Schon besser«, sagte sie und ging weiter in die Küche. Der Mann folgte ihr wie ein Hund. Als er in die Küche kam, legte er den Kürbis vorsichtig neben der Spüle ab.
»Vielen Dank fürs Tragen. Alleine hätte ich es nicht geschafft.«
»Nicht der Rede wert.«
Als beide zum Hausflur zurückgingen, sagte er zu ihr: »Nun, dann wünsche ich euch ein fröhliches Halloween!«
Sie lächelte. »Ich bin eigentlich kein Halloween-Fan. Danke trotzdem.«
»Vielleicht sieht man sich wieder am Elternabend?«
»Bestimmt. Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen, Herr Schuster.« Cornelia reichte ihm die Hand zum Abschied.
Er nahm zärtlich ihre Hand und schüttelte sie. »Für Sie Peter, Frau Mohn.«
Sie lächelte verschämt. »Nennen Sie mich doch Cornelia.«
Sanft entzog sie ihm ihre Hand, um ihm die Türe aufzumachen. Dabei lächelte sie unentwegt. Als er seinen Kopf einzog und das Haus verließ, sagte sie ihm noch hinterher: »Vielen Dank noch mal fürs Tragen!«
»Habe ich gerne gemacht, Cornelia.«
Dann schloss sie die Tür.
Cornelia schälte sich aus ihrem Mantel und hängte ihn am Garderobenhaken auf. Während sie ihre Schuhe auszog und in den Schuhschrank stellte, sagte Justin: »Du magst ihn, oder?« Er stand angelehnt am Türrahmen zum Wohnzimmer.
Als sie sich aufrichtete, sah sie ihren Sohn an, der über beide Ohren grinste. »Wie kommst du darauf?« Sie strich sich ihre Haare hinter die Ohren.
»Deine Augen, Mama, als du mit ihm gesprochen hast, sie haben gefunkelt.«
»Ach so, haben sie das?«
Er erwiderte ein langgezogenes »Oh ja!«
»Also, nett ist er schon. Er hat uns den Kürbis nach Hause getragen.«
»Ach, Mama, das hat er doch nur gemacht, weil er dich sehr gern hat.« Justin betonte das »sehr«, indem er es langgezogen sagte. »Er hat doch nur darauf gewartet, bis du versuchst, den Kürbis hochzuheben, damit er dich ansprechen und seine Hilfe anbieten kann.«
Seine Mutter sagte nichts.
»Wieso ladest du ihn nicht mal zum Kaffee ein oder zum Essen? Das machen doch Erwachsene, wenn sie sich kennenlernen wollen. Papa hätte bestimmt nichts dagegen gehabt.«
Seine Mutter ging ein paar Schritte in seine Richtung, blieb vor ihm stehen, ging schnell in die Hocke und blickte in seine strahlend blauen Augen. »Justin, sag das doch nicht.« Sie begann, ein wenig mit ihren Händen seine Haare zu glätten. Er hatte sich vorhin mit einem schnellen Ruck die Pudelmütze vom Kopf gerissen, sodass seine Haare aussahen, als hätte er in die Steckdose gegriffen. »Du weißt doch, dass ich nur deinen Papa liebe, auch wenn er …« Sie konnte sich nicht überwinden, den Satz zu Ende zu sagen. Sie wollte sagen »nicht mehr bei uns ist«, aber sie konnte nicht. Irgendwie konnte sie es immer noch nicht wahrhaben, dass er vor eineinhalb Jahren an Krebs gestorben war. Er hatte Lungenkrebs, obwohl er sein ganzes Leben nicht eine Zigarette geraucht hatte. Als er starb, brach für Cornelia und Justin die Welt zusammen. Am schlimmsten war es für sie, wenn Justin in der Schule und sie alleine zu Hause war. Es gab keinen Tag, wo sie nicht geweint hatte. Der Tod ihres Mannes hatte sie so sehr psychisch mitgenommen, dass sie ihren Job als Bürokauffrau kündigen musste, weil sie sich einfach nicht auf die Arbeit konzentrieren konnte.
Sie entfernte langsam ihre Hände von Justins Haaren.
Justin legte behutsam seine beiden Hände auf ihre Schultern und blickte in die braunen Augen seiner Mutter. »Ich liebe ihn auch, Mama, und Papa wird immer in unseren Herzen sein, aber ich möchte, dass du glücklich wirst. Und Amelies Vater ist wirklich sehr nett. Er mag dich, und du magst ihn doch auch. Ihr könnt es doch wenigstens versuchen.«
»Ich weiß nicht, Justin. Ich weiß doch nicht einmal …«
Justin wusste, was sie sagen wollte und fiel ihr ins Wort: »Nein, nein, er ist nicht verheiratet«, sagte er schnell. »Amelie geht doch in meine Klasse, und sie hat mir mal gesagt, dass ihre Eltern geschieden sind. Er ist also frei, Mama. Hast du ihn denn beim Elternabend nicht gefragt, ob er verheiratet ist?«
»Nein, habe ich nicht. Ich dachte, dass er verheiratet ist, als er ein wenig über seine Tochter gesprochen hatte.«
»Ich wette, er war alleine beim Elternabend, oder?«
Cornelia blickte Justin fragend an. »Ja, war er. Wieso?«
»Na weil er doch sonst mit seiner Frau gemeinsam zum Elternabend gegangen wäre, wenn er verheiratet gewesen wäre. Außerdem trägt er keinen Ehering. Hast du das nicht gesehen?«
»Okay, Mister Neunmalklug, wenn es dich beruhigt und es dir nichts ausmacht, werde ich ihn mal zum Essen einladen. Was hältst du davon?«
»Spitzen-bombastisch-mega-toll!«
Cornelia nahm Justins Hände von ihren Schultern herunter und richtete sich auf.
»Und nun, Mama, öffne bitte den Kürbis, damit ich ihn aushöhlen kann! Oh Mann, das wird eine Sauerei geben.«
»Die du hoffentlich aufräumen wirst«, sagte sie.
»Klaro!«
Just in dem Moment, als sie in das Wohnzimmer gingen, hörten sie ein dumpfes Geräusch, wie wenn irgendetwas Weiches auf Hartes trifft. Kurz darauf folgte ein unheimliches Stöhnen, das langsam abebbte. Wie zur Salzsäure erstarrt blieben sie plötzlich stehen.
»Was war das?«, fragte Justin.
»Pst!«, machte seine Mutter, während sie ihren Zeigefinger an ihre Lippen hielt. Dann entfernte sie den Finger und sagte im flüsternden Ton zu ihrem Sohn: »Sei leise, Justin!«
»Kam das gerade aus der Küche?«, fragte er flüsternd. Er machte Anstalten, in die Küche zu gehen, doch seine Mutter packte ihn schnell am Arm und hielt ihn zurück.
Cornelia griff geistesgegenwärtig nach einem Gegenstand, der sich in der Nähe befand, und zwar nach einer Kristallvase, die auf einem Regal stand. Mit beiden Händen hielt sie die Vase vehement fest. Sie überlegte kurz, einen weniger teuren Gegenstand zu nehmen, doch sie verwarf den Gedanken schnell. Ihr war es egal, wenn ihre teure Vase beschädigt werden würde, wenn sie sie über den Kopf des Einbrechers schlagen musste. Hauptsache sie und Justin wären dann außer Gefahr. Sie nahm an, dass irgendjemand in der Küche war.
»Justin«, sagte sie im flüsternden Ton, »bleib hier stehen!«
Cornelia näherte sich langsam der Küche. Sie zitterte wie Espenlaub. Kurz vor der Küche hob sie die Vase in die Luft, bereit zum Zuschlagen. Als sie langsam die Küche betrat und in dem Moment die Vase zum Einsatz bringen wollte, hielt sie plötzlich in der Bewegung inne, als sie sah, dass kein Einbrecher in der Küche stand, sondern der Kürbis aufgeplatzt auf dem Boden dalag. Seine Innereien lagen überall auf dem Küchenboden verteilt.
»Niemand da«, sagte sie vor sich hin.
Justin lugte hinter dem Rücken seiner Mutter hervor, blickte mit weit aufgerissenen Augen den am Boden zermatschten Kürbis an und ließ sich vor den Kürbis fallen. »Nein!«, schrie er langgezogen. Er begann zu weinen.
»Das verstehe ich nicht«, sagte Cornelia und schüttelte ungläubig den Kopf. »Der Kürbis kann doch nicht von selbst heruntergefallen sein. Ich habe selbst gesehen, dass der Kürbis komplett auf der Fläche lag.«
»Nein, lag er nicht«, sagte Justin weinend. »Er … er … er hat meinen Kürbis bestimmt an den Rand gestellt und … und deswegen ist er heruntergefallen.« Justin schniefte. »Und … und … und durch seine komische Form war sein Gewicht halt nicht gleichmäßig verteilt und dann ist er runtergefallen.«
Cornelia wollte ihm Glauben schenken, es klang plausibel, was Justin stotternd sagte, doch sie war sich sicher, dass Peter den Kürbis nicht an den Rand gestellt hatte. »Nein, Justin. Glaub mir, er hat ihn nicht an den Rand gestellt. Ich habe es doch selbst gesehen. Ich stand daneben.«
Justin schniefte. »Doch, dann hast du nicht genau hingeschaut.«
Egal, was Justin sagte, sie war sich sicher, dass es nicht Peters Schuld war. Sie fand keine Erklärung dafür, wie der Kürbis auf den Boden fallen konnte, ebenso fragte sie sich, woher vorhin dieses Stöhnen kam. Sie hatte es eindeutig gehört. Aufgrund des Stöhnens war Cornelia sich sicher, dass sich jemand in der Küche aufgehalten haben musste. Die logische Schlussfolgerung für sie war, dass die Person die Flucht durch das Küchenfenster ergriffen hatte, als sie bemerkte, dass sie sie gehört hatten. Akribisch kontrollierte Cornelia das Küchenfenster und stellte mit Verwunderung fest, dass es verschlossen war und es keinerlei Anzeichen für einen Einbruch gab. Jetzt war sie vollkommen irritiert, und sie kam zu der Annahme, dass sie sich das Stöhnen vielleicht nur eingebildet hatte. Sie wollte ihren Sohn gerade fragen, ob er das Stöhnen auch ganz sicher vernommen hatte, doch sie wollte ihr Kind in der Trauer um seinen Kürbis nicht stören.
Cornelia verließ die Küche, ging ins Wohnzimmer und stellte die Vase wieder an ihren Platz. Dann ging sie zurück, ging um den weinenden Justin herum, nahm Kehrschaufel und Besen vom Unterschrank und machte sich daran, die Kürbisreste mit dem Besen in die Schaufel zu kehren. Währenddessen sagte sie zu Justin: »Hör doch bitte auf zu weinen! Das Weinen wird den Kürbis auch nicht wieder ganz machen.«
»Das war’s wohl mit Halloween«, sagte er traurig.
Cornelia machte Anstalten, die Kürbisreste in den Mülleimer zu schütten, hielt aber inne, als sie bemerkte, dass sie vergessen hatte, einen neuen Müllbeutel in den Mülleimer einzulegen. Sie legte die Kehrschaufel und den Besen auf den Boden ab, nahm einen neuen Müllbeutel aus dem Unterschrank und spannte ihn in den Mülleimer. Anschließend nahm sie wieder die Kehrschaufel und den Besen vom Boden auf und schüttete den Inhalt der Schaufel in den Mülleimer. »Ich kaufe dir einen neuen Kürbis, okay? Einen von dem Stand. Ich geh gleich los, nachdem ich diesen Saustall hier weggewischt habe.«
Justins Weinen ebbte langsam ab. Er wischte sich die Tränen aus den Augen. »W-W-Wirklich?«
»Das habe ich doch gesagt. Auf dem Stand haben wir doch einige gesehen. Bestimmt ist einer darunter, der auch so verformt ist.«
Justin kicherte. »Diesmal ist es mir wirklich egal, ob der Kürbis schön oder hässlich ist. Hauptsache es ist ein Kürbis.«
»Macht es dir etwas aus, wenn ich dir einen kleineren Kürbis kaufe? Einen größeren Kürbis kann ich leider nicht tragen.«
»Ist okay. Dann kauf bitte einen kleinen Kürbis. Den kann man ja auch schnitzen.«
»Ich geh gleich los.«
Cornelia verstaute Kehrschaufel und Besen in den Schrank. Mit einigen Blättern, die sie von einer dicken Küchenrolle abriss, wischte sie flugs den Rest vom Boden auf und warf dann die dreckigen Blätter in den Mülleimer. Sie schloss den Unterschrank. Cornelia ging in den Flur und zog sich schnell an.
»Mama, kann ich fernsehen, während du weg bist?«
»Ja. Und Justin, mach bitte niemandem auf! Hast du verstanden?«
Er nickte ein paar Mal.
»Gut. Ich bin gleich wieder zurück.«
»Mama, schau mal!« Justin zeigte auf den Boden. »Peter hat die zwei Packungen Tomatensaft vergessen. Dein Mantel muss sie verdeckt haben, als du ihn vorhin aufgehängt hast.«
»Oh je«, sagte Cornelia. »Wenn ich schon mal draußen bin, kann ich sie ihm ja gleich bringen. Anschließend kaufe ich deinen Kürbis. Okay?«
»Okay, Mama.« Justin verschwand ins Wohnzimmer. Der Fernseher lief kurze Zeit später.
Cornelia hob die beiden Packungen auf und ging aus dem Haus. Als sie das Anwesen ihres Hauses verließ und rechts um den Briefkasten ging, sah sie in einiger Entfernung Peter, der ihr entgegenkam. Er hatte sie nicht bemerkt, da er ganz in Gedanken versunken auf den Boden blickte. Er hatte beide Hände in seine Manteltaschen gesteckt.
»Hi, Peter!«
Er blickte auf. Sie nickte ihm mit dem Kopf zu. Er zog eine Hand aus der Manteltasche und winkte ihr zu. Beide blieben mit einem Meter Abstand voneinander entfernt stehen.
Cornelia hielt ihm die zwei Tetrapackungen Tomatensaft hin. »Du hast deine Blutbehälter vergessen.«
Er lächelte und nahm sie mit einem »Danke!« entgegen. In jeder Hand hielt er nun eine Packung und ließ sie schnell in die Tiefen seiner Manteltaschen verschwinden. »Dass ich die beiden vergessen habe, ist mir erst vor meiner Haustür aufgefallen. Dann habe ich kehrtgemacht und wollte gerade zu dir. Amelie wird sich wahrscheinlich fragen, wo ich so lange bleibe.«
»Du warst nicht zu Hause?«
»Ohne die Tomatensäfte? Amelie wäre durchgedreht.«
Cornelia lachte.
Ein kalter Wind kam auf und wirbelte ihre Haare durcheinander. Einige Haarsträhnen fielen ihr ins Gesicht. Mit einer schnellen Handbewegung strich sie sie zurück. Fröstelnd zog sie ihren Wollmantel fest um sich.
»Ich hoffe, dass später die Kinder, wenn sie von Tür zu Tür gehen und um Süßigkeiten betteln, warm angezogen sind. Nicht, dass sie sich eine Erkältung zuziehen.«
»Ich glaube, den Kindern kann kein Wetter ihr Halloween vermiesen. Kinder lieben dieses Fest. Justin macht da sicher keine Ausnahme. Apropos Justin, wo ist er denn? Er ist bestimmt zu Hause und macht sich an seinem Kürbis zu schaffen, oder?«
»Ja, er ist daheim. Na ja, der Kürbis ist leider auf den Boden gefallen. In der Küche gab es eine richtige Sauerei.«
»Oh«, sagte Peter, »armer Justin. Der hat sich doch so sehr über den Kürbis gefreut. Wie ist das denn passiert?«
»Ich habe ihn aus Versehen fallen gelassen«, log sie. Sie konnte ihm nicht sagen, dass der Kürbis von alleine auf den Boden gefallen war. Was würde er von ihr denken? Dass sie nicht alle Tassen im Schrank hätte? »Peter, du hast doch den Kürbis nicht an den Rand abgelegt, oder?«
»An den Rand? Nein!« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn doch auf die Fläche gestellt. Wieso?«
»Ach, nur so.« Sie hätte sich gewünscht, dass Peter gesagt hätte, dass er den Kürbis an den Rand abgelegt hätte und dass sie sich geirrt hätte, doch nun bestätigte sich ihre Annahme, dass irgendetwas Seltsames vor sich ging. »Übrigens, ich geh jetzt einen neuen holen vom Stand. Du hättest Justin sehen sollen, der hat geweint, als wenn unser Haustier gerade gestorben wäre, wenn wir eines besessen hätten.«
»Kann ich dich begleiten? Ich helfe dir beim Tragen.«
»Danke, das wäre nett!«
Auf dem Weg zum Stand unterhielten sie sich ausgiebig über viele Themen, bis sie zu dem Punkt angelangten, der ihre beiden Ehepartner betraf. Peter schilderte ihr in groben Zügen, wie er sich mit seiner Frau nach den anfangs glücklichen Jahren auseinandergelebt hatte und schließlich die Trennung erfolgte. Cornelia erzählte ihrerseits ihre traurige Geschichte vom langsamen Sterben ihres Mannes, der an Krebs erkrankt war, und wie schwierig es ihr und Justin gefallen war, nach seinem Tod wieder Fuß zu fassen. Sie beschloss spontan, Peter zum Essen einzuladen, wie ihr Justin geraten hatte. Er nahm dankend die Einladung an, und sie vereinbarten, dass das Essen am nächsten Mittwoch stattfinden sollte. Da sie sich so in die Unterhaltung vertieft hatten, bemerkten sie gar nicht, dass sie schon vor dem Kürbisstand angekommen waren. Es war beinahe so, als hätten ihre Beine sie selbstständig dorthin getragen.
Cornelia suchte sich einen kleinen Kürbis aus, aber Peter bestand darauf, den größten zu nehmen, da es ihm leidtat, dass Justins Kürbis kaputtgegangen war. Doch Cornelia schob es eher seiner protzenden Manneskraft zu, wahrscheinlich um ihr zu imponieren, und es gefiel ihr. Sie warf vier Ein-Euro-Stücke in die metallene Kassenbox, um den Kürbis zu bezahlen. Sie fragte sich, ob jeder, der sich von dem Stand einen Kürbis genommen hatte oder noch holen würde, auch diesen ordnungsgemäß bezahlt hatte oder bezahlen würde. Cornelia war immer ein ehrlicher Mensch gewesen und hätte es mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können, sich einen Gegenstand zu nehmen und nicht dafür zu bezahlen.
Auf dem Weg zurück lachten manchmal beide, da Peter doch erhebliche Schwierigkeiten hatte, das riesige Exemplar zu tragen. Sie mussten mehrmals Halt machen und den Kürbis auf Bänken, die am Weg standen, abstellen. Schließlich brachten sie das Monstrum von Kürbis wohlbehalten zu Cornelias Haus, und sie betraten den Flur. Cornelia zog ihre Schuhe aus und stellte sie erneut in den Schuhschrank. Ihren Mantel hängte sie auf. Justin hatte nicht bemerkt, dass seine Mutter ins Haus gekommen war, da er wieder einmal den Fernseher so laut eingestellt hatte. Er zuckte zusammen, als sie mit dem großen Kürbis das Wohnzimmer betraten. Er blickte den Kürbis freudestrahlend an. Blitzschnell schaltete er den Fernseher aus. Justin bestand darauf, dass der Riesenkürbis unbedingt auf den Wohnzimmertisch hingestellt werden sollte.
»Wow!«, sagte Justin, als Peter den Kürbis mit letzter Kraft langsam auf den Wohnzimmertisch abstellte. Einige Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn. »Der ist ja gigantisch.«
Cornelia lächelte. Sie freute sich, dass Justin glücklich war. »Ich habe Peter draußen getroffen. Er war auf dem Weg zu uns. Ich habe ihm die zwei Packungen gegeben. Dann sind wir gemeinsam zum Stand gegangen. Er wollte dir unbedingt den größten Kürbis bringen. Voilà, hier ist er.«
»Danke, Peter!«, sagte Justin überglücklich. »Der Kürbis ist einfach toll. Dann bin ich ja froh, dass du die Tomatensäfte vergessen hast, weil sonst meine Mama mir einen kleineren Kürbis gekauft hätte.«
»Ich dachte, dass dir ein kleineres Exemplar auch recht gewesen wäre«, sagte Cornelia und zog eine perfekt gezupfte Augenbraue hoch.
»Jetzt habe ich’s mir doch anders überlegt«, sagte Justin und grinste über beide Ohren.
Cornelia lächelte.
Peter kreiste einige Male mit den Schultern, um die Verspannungen in den Schultern zu lösen, die durch das schwere Tragen entstanden waren.
Justin blickte zu ihm empor. »Peter, wenn du schon mal da bist, kannst du bitte den Kürbis öffnen?!«
»Ich weiß nicht, Justin, Peter hat schon mehr als genug gemacht. Findest du nicht? Außerdem möchte er bestimmt auch mal nach Hause gehen.«
»Nein, ist schon gut, Cornelia. Wenn Justin das wünscht, mache ich das gerne. Ich mache das im Nu. Ich brauche nur ein scharfes Messer.«
Cornelia ging in die Küche und kam mit einem großen Messer zurück. Peter hatte währenddessen schon auf der Couch neben Justin Platz genommen. Sie reichte Peter das Messer. Er nahm es vorsichtig aus ihrer Hand. Dabei berührten sich ihre Hände. Sie blickten sich kurz wie zwei Frischverliebte an.
Danach ging sie um den Couchtisch herum zu Justin, nahm ihn an der Hand und sagte: »Komm, geh lieber von dort weg! Das ist mir zu gefährlich, wenn Peter mit dem Messer hantiert. Nichts gegen dich, Peter.«
»Nein, du hast recht«, sagte Peter. Er zog etwas den Couchtisch zu sich heran. »Als ich den Kürbis für Amelie geöffnet habe, bevor ich in den Supermarkt ging, wollte ich auch nicht, dass sie sich in der Nähe aufhält.«
Justin stand von der Couch auf und ging mit seiner Mutter mit. Sie hielten ein paar Meter Sicherheitsabstand ein und beobachteten von dort aus, wie Peter vorsichtig begann, mit der scharfen Klinge einen Deckel vom oberen Teil des Kürbisses abzuschneiden.
»Wieso schneidest du so schräg und nicht gerade?«, fragte Justin, als er sah, dass Peter das Messer beim Schneiden in Richtung Kürbismitte hielt.
Peter hielt im Schneiden inne und blickte zu Justin. »Ganz einfach, weil der Deckel später hineinrutschen würde, wenn ich gerade schneiden würde.« Er zwinkerte Justin kurz zu und machte sich wieder an die Arbeit.
Justin sagte ein langgezogenes »Ah!«
Als Peter nach ein paar Minuten mit seinem Werk fertig war, legte er das große Messer neben dem Kürbis ab. Dann zog er den Strunk nach oben und zeigte mit stolzer Miene den beiden den Deckel. Während Justin zu ihm hineilte und den Deckel in Augenschein nahm und Peter mit Lob überschüttete, dass er den Deckel sauber herausgeschnitten hätte, ging Cornelia zum Couchtisch und nahm vorsichtig das Messer. Mit diesem ging sie in die Küche, spülte es kurz ab, indem sie es in laufendes Wasser hielt, trocknete anschließend die Klinge vorsichtig mit einem Geschirrtuch ab und verstaute das große Messer wieder an seinem angestammten Platz. Sie nahm eine große Schüssel vom Küchenschrank, nahm zwei Esslöffel vom Besteckkasten und verließ daraufhin die Küche. Im Wohnzimmer legte sie die Schüssel sowie die Löffel auf den Couchtisch ab. Blitzschnell nahm sich Justin einen und begann, das Fruchtfleisch und die Kerne des Kürbisses zu entfernen und den vollen Löffel in die Schüssel zu leeren.
Während Justin voller Elan den Kürbis aushöhlte, verabschiedete sich Cornelia von Peter an der Haustür. Sie bedankte sich erneut für seine Hilfe. Dann entstand zwischen beiden ein Moment der Stille. Er blickte ihr tief in die Augen. Sie erwiderte ohne Worte seinen Blick. Die Luft zwischen ihnen knisterte förmlich. Er beugte sich zärtlich zu ihr hinunter, seine Lippen näherten sich ihren erwartungsvoll. Er hielt kurz inne, nicht sicher, ob sie seinen Kuss erwidern würde, da er noch Zweifel hegte, ob sie den Tod ihres Mannes überwunden hatte, doch als ihm in der nächsten Sekunde einfiel, dass sie ihn zum Abendessen nächste Woche in ihr Heim eingeladen hatte und er es als Interesse einer neuen Beziehung mit ihm wertete, war er sich nun sicher, dass sie den Kuss erwidern würde – hoffentlich –, und er näherte sich mit seinen Lippen den ihren. Cornelia schien nur auf diesen Moment gewartet zu haben, denn sie presste ihre Lippen auf die seinen. Sie schloss genießerisch die Augen. Der Kuss war nur von kurzer Dauer, dafür um so intensiver. Nach dem Kuss öffnete sie ihre Augen und sah ihn voller Zärtlichkeit an.
»Ich muss dann mal los zu …« Ihm fehlten die Worte.
»Zu Amelie?«
»Ja, genau. Also, bis nächste Woche.«
»Bis nächste Woche.« Ihre Stimme zitterte leicht. Sie blickte ihm noch kurz hinterher, wie er rechts am Briefkasten um die Ecke bog, bevor sie sich umdrehte, ins Haus ging und die Tür hinter sich schloss.
Auf dem Weg nach Hause ließ Peter das Geschehen noch einmal Revue passieren. Er war froh darüber, das Risiko des Kusses eingegangen zu sein, denn genauso gut hätte er sich einen Korb von Cornelia einhandeln können, da sie sein Verhalten zu aufdringlich gefunden hätte. Doch nun war er sich sicher, dass sie dieselben Gefühle hegte, die er für sie empfand. Seine Laune besserte sich zusehends, was sich darin äußerte, dass er den ganzen Weg nach Hause pfeifend zurücklegte. Als er im Lilienweg 7 angelangt war, sah er schon von Weitem viele Kinderschuhe, die ordentlich paarweise vor seiner Haustür abgestellt waren. Vorhin standen die Schuhe noch nicht da, als er sich aufgemacht hatte, erneut zu Cornelias Wohnung zu gehen, um die vergessenen Tomatensäfte zu holen.
So ein Mist, dachte er, Amelie wird bestimmt kein Wort mit mir wechseln. Peter war nämlich nicht rechtzeitig, bevor die Kinder kamen, mit den Tomatensäften aufgetaucht, die sie ihren Gästen als blutigen Willkommenstrunk anbieten wollte.
Schnell zog er seine Schuhe aus, die neben dem kleinen Schuhwerk, neun Paar Kinderschuhe, wie Kindersärge aussahen. Er hatte Schuhgröße 53. Als er gerade die Tür aufschließen wollte und nah an der Haustür stand, kam es ihm merkwürdig vor, keine Kinderstimmen beziehungsweise kein Kindergeschrei zu hören. Ihm kam der Gedanke, dass sie irgendein Spiel spielen mussten, bei dem sie sich ruhig verhielten.
Er schloss schnell die Tür auf und gelangte in den Hausflur.
Während er die beiden Packungen Tomatensaft aus seinen Manteltaschen herausholte, sagte er laut: »Amelie, tut mir wirklich leid, dass es etwas später wurde, aber …« Er hielt im Sprechen inne, als er die roten Flecken auf dem Parkettboden sah und die roten großen Spritzer an der Wand. Als sein Blick auf die zwei parallel verlaufenden tiefroten Schleifspuren am Boden vor der geschlossenen Wohnzimmertür fiel, war es mit seiner Geduld vollends am Ende.
»Amelie«, sagte er laut, »hatten wir nicht ausgemacht, dass das Kunstblut nur in meinem Beisein verwendet wird und nur an sich?«
Er näherte sich mit schnellen Schritten der geschlossenen Wohnzimmertür und passte auf, dass er nicht mit seinen schwarzen Socken in die roten Flecken trat. Mit den Worten »Amelie, wisch gefälligst diese rote Farbe auf!« riss er mit einem Ruck die Türklinke herunter und stürmte ins Wohnzimmer.
Stille.
Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen, und er ließ geschockt die beiden Tetrapackungen fallen, die sofort aufplatzten, als sie auf den Parkettboden trafen. Der Tomatensaft vermischte sich mit der roten Farbe am Boden. Amelie hatte ihre Halloweendekoration noch viel weiter getrieben. Sämtliche Möbel waren mit tiefroten Spritzern versehen, der gesamte teure Kaschmirteppich war blutrot gefärbt. Auf diesem lagen mehrere kleine verkrümmte Körper, die ebenfalls mit tiefem Rot verfärbt waren. Ein hysterisches Glucksen entrang sich seiner Kehle. Amelie hatte die kleinen Schauspieler wohl dazu getrieben, in einem äußerst dekorativen Halloweenstück ihm das Gruseln beizubringen. Und obwohl er stocksauer war, musste er sich eingestehen, dass Amelie mit ihren kleinen Darstellern, die sich nicht regten, das Stück perfekt einstudiert haben musste. Als er an Amelie dachte, die sich unter den reglosen Körpern befinden musste, es waren sieben Kinder, ging er zu der ihm am nächsten bäuchlings liegenden Kindergestalt hin. Die Arme des Mädchens lagen nach oben ausgestreckt auf dem Boden und zeigten Richtung Wohnzimmertür. Die Hände des Mädchens waren mit roter Farbe verschmiert. Die parallel verlaufenden roten Schleifspuren endeten vor ihren Händen. Peter ging in die Hocke und rüttelte leicht an ihr. Er wollte sie darauf ansprechen, was das mit den Schleifspuren sollte. Als das Mädchen nicht reagierte, drehte er sie um. Ihm stockte der Atem, als er sah, wie der kleine Kopf zur Seite kippte und eine durchgeschnittene Kehle entblößte. Es war keine Wunde zum Aufkleben, sondern sie war real. Das Grauen schnürte ihm die Luft ab. Unfähig sich aufzurichten kroch er zur nächsten Gestalt. Ein Blick genügte, um zu sehen, dass dem kleinen Jungen, der auf dem Rücken lag, ebenfalls die Kehle sauber durchtrennt worden war. Als sein Blick weiter nach oben wanderte, sah er, dass der Junge keine Augen mehr hatte. Anstatt der Augen blickten ihn zwei dunkle schwarze Höhlen an. Blankes Entsetzen sprang ihn an. Er konnte nicht glauben, was er sah. Er wollte es nicht wahrhaben und sagte zu sich selbst: »Es ist nicht wahr, es ist nicht wahr! Nichts davon ist Realität!«
Er blickte geschockt um sich und sah die anderen fünf herumliegenden Körper und ihm war sofort klar, dass keiner davon mehr am Leben war. Unter den toten Kindern konnte er seine Tochter nicht ausmachen. Wo war Amelie? Er zitterte wie Espenlaub.
»Amelie! Amelie!«, kreischte er hysterisch.
Dann vernahm er ein seltsames Geräusch. Er drehte sich um und versuchte, das Geräusch zu lokalisieren. Er hörte es noch einmal. Es kam aus der Richtung des umgestürzten Sofas. Er näherte sich vorsichtig diesem.
»Amelie?«, fragte er mit bebender Stimme, als er mit der linken Hand zitternd das Sofa zur Seite schob.
Ihm gefror das Blut in den Adern, als er das grausige Bild vor sich wahrnahm. Amelie hockte blutüberströmt vornübergebeugt vor einem kleinen Mädchen, dessen Kehle sie mit einem Küchenmesser – das war das Messer, mit dem Peter vor etwa einer Stunde Amelies Kürbis geöffnet hatte – bearbeitete, indem sie damit hin- und herschnitt. Die Augen des toten Mädchens waren weit aufgerissen. Es war dieses ekelhafte schneidende Geräusch durchs Fleisch, das er vorhin gehört hatte.
Amelie hob langsam ihren Kopf und grinste ihren Vater hämisch an. Peter zuckte zusammen, als er ihre Augen sah. Ihre Augen waren komplett schwarz und wirkten dämonisch. Sie hörte abrupt mit dem Schneiden auf. Mit einer übermenschlich schnellen Bewegung rammte sie das blutige Messer in Peters linken Oberschenkel. Die Bewegung war so schnell, dass Peter keine Chance hatte, der Stichbewegung auszuweichen. Er schrie vor Schmerz auf. Im nächsten Moment blickte Amelie unvermittelt Richtung Decke, öffnete ihren Mund und spie schwarzen Rauch aus. Der schwarze Rauch löste sich mit einem unheimlichen stöhnenden Geräusch auf.
Amelie, das Messer in der rechten Hand haltend, senkte langsam ihren Kopf und blickte ihren Vater konfus an, dessen Gesicht schmerzverzerrt war. Das Schwarze in ihren Augen war verschwunden, und sie hatte nun ihre saphirgrüne Augenfarbe wieder.
»Papa«, sagte sie mit schwacher Stimme. Sie verdrehte ihre Augen und fiel seitlich um. Peter fing sie gerade noch auf.
Justin und Cornelia waren gerade dabei, die letzten Reste des Kürbisses auszuhöhlen und diese in die danebenstehende Schüssel zu befördern. In der Schüssel hatte sich schon viel von dem Fruchtfleisch des Kürbisses gesammelt. Voller Zufriedenheit blickten sie ins Innere des ausgehöhlten Kürbisses.
Cornelia klopfte anerkennend Justin auf die Schultern und sagte: »Da können wir wirklich stolz auf uns sein. Das haben wir echt super hingekriegt, oder?«
Justin lächelte. »Ja, haben wir. Das hat total viel Spaß gemacht. Ich könnte glatt noch einen Kürbis aushöhlen.«
Cornelia trug lachend die volle Schüssel in die Küche. Just in dem Moment, als sie die Schüssel neben die vorbereiteten Ingredienzien für die geplante Kürbissuppe, Mehl, Butter, Gemüsebrühe, Salz, Pfeffer, um nur einige wenige davon zu nennen, abstellte, hämmerte es vehement an der Haustür. Als sie gerade schon im Begriff war, aus der Küche zu gehen, blieb sie kurz stehen und kehrte schnell zur Schüssel zurück, ergriff mit einer Hand kurz die Schüssel, während sie mit der anderen die Kühlschranktür öffnete, schob dann die freie Hand ebenfalls unter die Schüssel und stellte dieselbige auf den Kühlschrankboden ab. Danach eilte sie aus der Küche, nicht ohne der Küchentür vorher einen Schubs mit der Hand gegeben zu haben, damit diese zufiel. Cornelias Intention, die Schüssel in den Kühlschrank zu stellen, lag darin, da sie befürchtete, dass die Schüssel dasselbe Schicksal ereilen würde wie zuvor den Kürbis.
Es hämmerte weiterhin lautstark an der Tür.
Als Cornelia gerade dabei war, das Wohnzimmer zu verlassen, um in den Flur zu gehen und endlich die Tür zu öffnen, sagte Justin ihr hinterher: »Das sind bestimmt die ersten Kinder aus der Nachbarschaft.«
»Die sind aber ungeduldig, die können wohl keine Minute warten.«
Sie ergriff die Süßigkeitenschale, die sie in weiser Voraussicht heute Morgen auf dem Schuhschrank bereitgestellt hatte, da sie sonst im Flur keine andere Abstellmöglichkeit hatte. Die Schale war randvoll mit Leckereien gefüllt, Bonbons und Schokoriegeln, um nur einige wenige davon zu nennen.
Die Schale in einer Hand haltend öffnete sie freudig mit der anderen die Tür und erschrak fürchterlich. Beinahe wäre ihr bei dem grausigen Anblick, der sich ihr bot, die Schale aus der Hand gefallen. Vor ihr stand Peter völlig aufgelöst, in seinen Armen ein kleines Mädchen tragend. Cornelia war sich sicher, dass es Amelie sein musste. Das Mädchen hatte die Augen geschlossen. Peters Mantel schimmerte unten feucht. Sie sah ein metallenes Blitzen an seinem linken Oberschenkel, das gelegentlich durch Aufklaffen seines Mantels zu sehen war. Was ihr ebenfalls auffiel, war, dass Peter keine Schuhe trug.
Cornelia kicherte, bevor sie sagte: »Ihr beide beschert ja wirklich einen gruseligen Anblick. Als Belohnung für euren super Auftritt dürft ihr euch etwas Süßes nehmen. Greift zu!«
Cornelia hielt ihm die Schüssel auffordernd hin. Doch als er anfing zu weinen, die Schüssel außer acht ließ und an ihr vorbei in den Hausflur stürmte, wusste sie, dass etwas nicht stimmte. Er murmelte unverständliche Worte, während er das Mädchen vorsichtig auf den Flurboden legte. Ihr gefror das Blut in den Adern, als sie sah, dass das Mädchen blutüberströmt war.
»Dies ist kein Halloweenscherz? Peter? Sag doch was!«
»Cornelia«, sagte er stotternd, »die Kinder …«
»Welche Kinder?«
»Die Kinder von Amelies Halloweenparty. Sie sind, sie sind … tot.«
Klirrend zerbarst die Schüssel auf dem Flurboden, als sie Cornelias Händen entglitt. Die Süßigkeiten verteilten sich über den gesamten Boden.
»Tot?«, fragte sie mit schockiertem Blick. »Sie auch?« Mit zitterndem Zeigefinger deutete sie auf das Mädchen.
»Nein, Amelie nicht.«
»Was um Himmels willen ist denn passiert?«
»Cornelia, es war das Schrecklichste, was ich je in meinem Leben gesehen habe. Amelie hat sie alle … getötet, ihnen die Kehlen durchtrennt.«
»Oh Mann, die hat aber viel Kunstblut drauf. Die hat’s ordentlich übertrieben.« Justin stand im Türrahmen und blickte neugierig in den Flur. »Typisch Amelie, sie will immer im Mittelpunkt stehen.«
Cornelia bedeutete ihm mit einem Kopfnicken, in Richtung des Wohnzimmers zu verschwinden. Justin zögerte ein wenig, da er das ganze Geschehen weiterverfolgen wollte, doch als Cornelia vehementer nickte und sehr ernst schaute, verschwand er ins Wohnzimmer. Kurz darauf ging Cornelia langsam um Peter herum und lief ihrem Sohn hinterher. Im Wohnzimmer angelangt packte sie ihren Sohn bei der Hand, zog ihn zur Terrassentür und wollte gerade diese öffnen, erstarrte, als sie im spiegelnden Glas der Tür die Reflexion von Peter sah, der ihr schnell gefolgt war und beide verzweifelt anblickte.
»Cornelia, wo willst du hin?«
Cornelia war hin und her gerissen. Würde sie mit Justin die Flucht über die Terrasse ergreifen, könnte er sie verfolgen und sie beide von hinten niederstechen. Sie erinnerte sich an das Aufblitzen eines metallenen Gegenstandes an seinem linken Oberschenkel, und sie war sich ziemlich sicher, dass es ein Messer war. Sie beschloss, mit ihm zu reden und ihn erst einmal zu beruhigen, bevor sie die Flucht ergreifen würde. Die Flucht im jetzigen Moment zu ergreifen, traute sie sich nicht, da Peter mit ihr im selben Raum war und sie schnell mit ein paar Schritten erreichen konnte.
Cornelia drehte sich langsam mit Justin um, der sie verwirrt fragte: »Mama, was ist denn los?«
Cornelia ignorierte Justins Frage und sprach Peter direkt an: »Bitte, bitte, tu uns nichts, lass uns gehen!«
Peters Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Was? Wolltest du gerade vor mir weglaufen? Du glaubst, dass ich …? Cornelia, bitte glaube mir, ich habe wirklich mit der ganzen Sache nichts zu tun.« Er trat einen Schritt nach vorne.
Sie hob die Hand. »Stopp! Bleib da, wo du bist!« Er blieb abrupt stehen.
»Die werden sie in ein Kinderheim stecken oder in eine psychiatrische Erziehungsanstalt. Cornelia, die werden sie mir wegnehmen, meine einzige Tochter.«
Cornelia blickte ihn fragend an.
»Die Polizei«, sagte er, als er Cornelias fragenden Blick sah. »Amelie hat alle acht Kinder getötet.«
Cornelia jagte dieses Geständnis einen Schauder nach dem anderen über ihren Rücken. Gänsehaut machte sich über ihren gesamten Körper breit. Sie schluckte mehrmals, als sie eine trockene Kehle bekam und sagte mit krächzender Stimme: »Wie kannst du so etwas behaupten? Amelie liegt doch bewusstlos und blutüberströmt im Gang. Wie kann so ein kleines harmloses Mädchen ihre eigenen Freunde umbringen? Du erwartest, dass ich dir das glauben soll? Peter, niemand wird dir glauben! Wieso hast du das getan? Wieso? Und was ist mit dem Messer? Warum hast du dir das Messer um den Oberschenkel gebunden?«
Sie begann plötzlich vor ihrer Courage zu zittern, als ihr gewahr wurde, was sie soeben gesagt hatte. Sie wollte ihn auf keinen Fall provozieren, und sie hoffte, dass sie ihn dadurch nicht noch mehr erzürnt hatte.
»Gebunden?«, fragte er in einem ungläubigen Ton. »Sieh her!« Hierbei schlug er den Mantel auf und drehte sich leicht zur Seite. Cornelia und Justin, der mittlerweile so bleich war wie die weiße Wohnzimmerfarbe, zuckten zusammen, als sie sahen, dass ein großes Messer durch Peters Oberschenkel getrieben war, dessen blutige Spitze an der Rückseite des Schenkels herausragte.
»Peter«, sagte sie im beruhigenden Ton, »es gibt Leute, die dir wirklich helfen können. Ich kann dir einen guten Therapeuten empfehlen, bei dem ich selber in Behandlung war, als das mit meinem Mann passierte. Bitte, lass dir helfen!«
Peters Augäpfel schienen aus seinen Aughöhlen hervortreten zu wollen. »Du denkst doch nicht wirklich, dass ich mir dieses Messer selber in den Schenkel gerammt habe? Denkst du, dass ich so verrückt bin?«
»Derjenige, der acht Kindern die Kehle durchschneidet, würde wahrscheinlich alles tun, um die Tat zu verschleiern und sich selbst als Opfer darzustellen. Wie kannst du nur deine eigene Tochter dieser perfiden Tat beschuldigen?«
»Papa, hast du die Tomatensäfte mitgebracht? Wo warst du denn so lange?«
Peter drehte sich um seine eigene Achse. Amelie stand blutüberströmt und leicht taumelnd im Wohnzimmertürrahmen. Peter blickte Amelie freudestrahlend an, dass sie aufgewacht war.
Amelie schaute verstört betrachtend auf ihre hochgehobenen Arme, von denen Blut zu Boden tropfte. »Wieso bin ich voller Kunstblut? Ich wollte doch nicht als Zombie gehen, sondern als böse Hexe.«
Bei dem Wort »Hexe« zuckte Cornelia zusammen, da sie sofort an ihre Schwester Veronika denken musste, die sich selbst als echte Hexe bezeichnete.
Justin versuchte, sich von ihr loszureißen und wollte zu Amelie hinrennen, doch Cornelia hielt ihn geistesgegenwärtig zurück. Sie konnte die Situation immer noch nicht einschätzen.
Peter rannte zu seinem kleinen Mädchen hin, umarmte sie innig und strich ihr die blutverschmierten Haare aus der Stirn. Er drehte sich um und blickte Cornelia offen an und fragte: »Kann ich sie bitte kurz unter die Dusche stellen? Hast du vielleicht etwas für sie zum Anziehen?«
Cornelia überlegte nicht lange und sagte: »Ja, das Badezimmer befindet sich links im Gang. Ich werde ihr einen frisch gewaschenen Pyjama von Justin geben. Justin wird das bestimmt nichts ausmachen.«
Peter nahm Amelie an der Hand und führte sie ins Bad. Die Badetür ging geräuschvoll zu.
Justin sagte nichts und wirkte apathisch. Er hatte das ganze Gespräch zwischen seiner Mutter und Peter mitgehört und konnte es nicht fassen, dass so viele Kinder tot sein sollten.
Cornelia überlegte kurz: Die Tatsache, dass Peter nun im Bad mit seiner Tochter war, die Badetür geschlossen war, bedeutete, dass sie jetzt mit Justin problemlos fliehen konnte.
Schnell drehte sie sich wieder zur Terrassentür um, öffnete diese und betrat mit Justin die Terrasse. Eisige Kälte umfing beide. Ihre Jacken und ihre Schuhe zu holen wäre ein zu großes Risiko gewesen, das sie nicht eingehen wollte, da dann Peter vielleicht aus dem Bad kommen würde.
»Mama, wo gehen wir jetzt hin? Warum lassen wir Amelie allein?«
»Stell jetzt keine Fragen, wir müssen hier verschwinden!«
Als sie gerade die Treppe, die hinunter zum Garten führte, gehen wollte, vernahm sie lautes Geschrei. Es war nicht nur ein Geschrei, sondern derer mehrere, und es kam aus verschiedenen Richtungen. Es waren Todesschreie, die aus diversen Häusern kamen. Cornelia sah eine Vielzahl von Gestalten auf dem Weg vor ihrem Haus, die alle kostümiert zu sein schienen. Es waren Kinder und ihrer Größe nach zu schließen auch Erwachsene, die sie begleiteten. Die Schreie vorhin nahmen diese Leute offenbar als gespielte Schreie wahr, da sie darauf überhaupt nicht reagiert hatten, es war Halloween.
Auf die einzelnen kleinen Gruppen liefen mit ungelenken Bewegungen einige kleinere Personen zu mit hocherhobenen Messern. Während diese wankenden Personen auf die Gruppen zusteuerten, lachten einige Kinder in der Gruppe laut auf, da sie der Annahme waren, dass sich diese Kinder – jetzt erkannte Cornelia auch, dass es Kinder waren – sich mit Plastikmessern ausgestattet hatten und sie damit erschrecken wollten. Dann ging alles sehr schnell. Die scheinbar hilflos wankenden Kinder stachen mit äußerster Brutalität und erschreckend schneller Geschwindigkeit auf jeden ein und wirkten übermenschlich stark. Die Nacht hallte von den grausigen Schreien der Kinder und Erwachsenen wider. Cornelia stockte der Atem. Sie stand wie zur Salzsäure erstarrt da. Justin begann laut zu schreien und zu weinen.
Plötzlich blickten alle Kinder, die soeben getötet hatten, in den Nachthimmel, öffneten ihre Münder, aus denen eine nebelartige dunkle Substanz sich herauslöste und unter nachlassendem Stöhnen einfach verschwand. Dann sackten die Kinder zu Boden. Sie erinnerte sich, dass sie dieses abebbende Stöhnen schon einmal vernommen hatte, und zwar in ihrer Küche.
Voller Panik packte sie den weinenden Justin an der Hand und lief, ihn hinter sich herzerrend, wieder durch die Terrassentür in ihr Haus und schloss diese daraufhin. Ihr Herz raste, und Cornelia atmete panisch.
»Wo ist denn der Pyjama?«
Cornelia zuckte zusammen, als sie Peters Stimme vernahm. Sie wirbelte herum. Peter stand im Wohnzimmer.
»Oh mein Gott, du siehst furchtbar aus. Cornelia, was ist denn passiert?«
»Erzähl mir, was in deinem Haus vorgefallen ist! Ich möchte wissen, wie du darauf kommst, dass deine Tochter den Kindern das angetan hat!«
Peter blickte kurz zum verstörten Justin. Dann blickte er wieder zu Cornelia zurück. »Soll ich das wirklich vor ihm erzählen?«
Sie blickte zu Justin herab. »Geh bitte hoch auf dein Zimmer! Und wenn du oben bist, sperr deine Tür ab! Mach sie erst auf, wenn ich es dir sage!« Justin lief so schnell die Treppen hinauf, als hätte eine Horde Wespen es auf ihn abgesehen.
Erst als Peter oben die Tür zuknallen hörte, erzählte er ihr jedes Detail, was er Schreckliches erlebt hatte. Er erzählte von den roten Spritzern an der Wand, von den roten Schleifspuren, als er den Flur betreten hatte und dass er anfangs angenommen hatte, dass es sich um Kunstblut handelte. Er erzählte von den toten Kindern im Wohnzimmer und dass er zunächst annahm, dass die Kinder sich tot gestellt hätten, um ihm einen Schrecken einzujagen. Er erzählte, dass er Amelie gesehen hatte, wie sie einem Mädchen die Kehle durchgeschnitten hatte, dass Amelie schwarze Augen besäße und sie ihm das Messer in den Oberschenkel gerammt hätte, dass kein normaler Mensch so eine schnelle Bewegung hätte ausführen können. Dann erzählte Peter weiter, es wäre rabenschwarzer Rauch aus ihrem Mund aufgestiegen und hätte sich mit einem seltsamen Stöhnen aufgelöst, das sich so angehört hatte, als wenn ein Mensch gerade sterben würde.
Als Peter Letzteres sagte, dass schwarzer Rauch aus Amelies Mund aufgestiegen war, schrak Cornelia für einen Moment zusammen. Sie hatte dasselbe draußen mit eigenen Augen gesehen.
Ohne Worte ging sie zum Kleiderschrank, öffnete diesen, nahm den Pyjama heraus, schloss den Schrank und überreichte Peter den Schlafanzug. Dabei sagte sie: »Peter, ich glaube dir jetzt alles. Tut mir leid, dass ich dich beschuldigt habe, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein Kind anderen Kindern so etwas Furchtbares antun konnte. Und am Anfang hattest du die Sache mit dem schwarzen Rauch gar nicht erwähnt. Zudem war Amelie voller Blut und …«
Cornelia wurde mitten im Erzählen unterbrochen, da Peter ihre Lippen mit den seinen versiegelte. Er küsste sie lang und innig.
Nachdem er seinen Kuss beendet hatte, blickte er ihr tief in die Augen und sagte: »Danke, dass du mir glaubst!«
Eine kleine piepsige Kinderstimme ertönte hallend aus dem Badezimmer: »Papa, wann kommst du denn endlich? Mir ist kalt!«
»Schätzchen, ich komme gleich!«
Peter und Cornelia blickten sich verstehend ohne Worte an. Daraufhin drehte er sich um und ging zu seiner kleinen Tochter ins Badezimmer.
Cornelia überlegte, was sie als Nächstes tun sollte. Sie bekam die schrecklichen Bilder einfach nicht aus dem Kopf. Sie musste irgendetwas tun und dieses Massaker – anders konnte man es nicht nennen –, das draußen stattfand, der Polizei melden. Sie ging schnell in den Flur, achtete penibel darauf, nicht in die Scherben der Schüssel zu treten, nahm ihr Mobiltelefon aus ihrer rechten Manteltasche und wählte die Notrufnummer, während sie zügig ins Wohnzimmer zurückging. Ein besonders hartnäckiges Bonbon klebte an ihrem linken Fuß, das sie mit ihrem linken Daumen und Zeigefinger entfernte und zurück in den Flur warf. Sie beschloss, den Scherbenhaufen und die auf dem Boden verteilten Süßigkeiten später aufzukehren.
Nach drei Rufzeichen meldete sich eine computergenerierte Stimme: »Bitte warten! Polizeinotruf Hamburg! Zurzeit sind alle Notrufleitungen belegt, bitte legen Sie nicht auf! Please hold the line! This is the police emergency call Hamburg. All our lines are busy right now. Your call will be answered immediatelly.«
Cornelia hörte diese Ansage immer und immer wieder, aber niemand nahm ihren Anruf entgegen. Auch als Peter und Amelie, die nun Justins Schlafanzug trug, der ihr um ein paar Nummern zu groß war, ins Wohnzimmer kamen, hob am anderen Ende der Leitung niemand ab. Da sie diese Tonbandansage mittlerweile nicht mehr hören konnte und sie ihr den letzten Nerv raubte, beendete sie die Verbindung.
Sie blickte zu Amelie hin. Sie sah so niedlich und putzig in Justins Schlafanzug aus, frisch geduscht mit noch leicht nassen schwarzen Haaren und den großen saphirgrünen Augen. Cornelia konnte sich wirklich nicht vorstellen, dass dieses kleine süße Kind acht andere ihresgleichen getötet haben sollte.
»Stimmt es wirklich, das, was Papa gesagt hat, dass wir heute bei euch übernachten dürfen?«
Peter nickte bekräftigend zu Cornelia hin, dass sie sein Spiel mitspielen sollte.
Sie verstand sofort und sagte zu Amelie gewandt: »Aber ja süße Maus, wir feiern heute Halloween gemeinsam. Ist das nicht toll?«
Amelies Augen funkelten. »Ich habe so lange auf meine Freunde gewartet, die ich zu meiner Halloweenparty eingeladen habe, aber niemand kam. Und Papa hat gesagt, dass ich neben dem süßen Kürbis, den ich geschnitzt habe, eingeschlafen sei. Dann hat Papa gesagt, damit ich doch noch ein bisschen Halloween feiern kann, dass er mich zum Zombie mit Kunstblut gemacht hat. Er hat sich ein Trickmesser ans Bein geklebt, um gruselig zu wirken. Als Überraschung hat er mich zu euch getragen, dass wir gemeinsam zu viert Halloween feiern. Ich wollte eigentlich als böse Hexe gehen, aber Papa sagte, dass mein Hexenkostüm beim Bügeln aus Versehen kaputtging, weil er das Bügeleisen zu heiß eingestellt und es ein Loch hineingebrannt hätte. Aber das Zombiekostüm mit dem vielen Kunstblut war echt gruselig. Du hättest mal die Badewanne sehen sollen, das ganze Wasser war total rot, als es in den Abfluss gelaufen ist.«
Cornelia wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Sie blickte Peter freundlich an. »Peter, wärst du so nett und würdest die Kürbissuppe schon einmal aufsetzen? Amelie hat bestimmt auch schon Hunger, oder Süße?« Cornelia schaute zu ihr hin.
»Und ob ich einen Hunger habe«, sagte Amelie.
»Und was ist mit dir?«, fragte Peter.
»Ich muss noch mit meiner Schwester reden, es ist wichtig.«
Peter blickte zu seiner Tochter. »Amelie, gehst du bitte schon mal in die Küche?! Ich komme gleich nach. Und rühr bitte nichts an!« Er tätschelte ihre feuchten Haare.
Amelie warf ihren Kopf in den Nacken, blickte ihren Vater lächelnd an, nickte schnell ein paar Mal und ging in die Küche.
»Danke, dass du mitgespielt hast.«
»Nicht der Rede wert«, sagte Cornelia. »Ich bin froh, dass Amelie dir geglaubt hat. Das Mädchen darf niemals erfahren, was sie in Wirklichkeit getan hat. Sie scheint sich an nichts zu erinnern, und das ist auch gut so. Aber wie willst du ihr denn später erklären, dass ihre Freunde nicht mehr am Leben sind? Die armen Kinder.« In Cornelias Augen glitzerten Tränen, als sie an die Kinder dachte und als sie sich vorstellte, wie schrecklich der Verlust für die Eltern war, wenn sie erfahren würden, was geschehen war.
»Ich weiß es nicht. Aber daran denke ich jetzt nicht. Ich bin froh, dass es ihr zurzeit gut geht, dass sie wieder sie selbst ist. Die, die getötet hat, das war nicht Amelie. Du hättest ihr Gesicht sehen sollen, voller Häme. Und ihre Augen. Zu dem Zeitpunkt hatte sie nicht ihre ursprüngliche Augenfarbe, sondern pechschwarze Augen, sie waren komplett schwarz ausgefüllt.«
»Ich glaube dir, dass sie das nicht war.«
»Du hast mir noch nicht erzählt, wieso du mir auf einmal glaubst.«
Cornelia erzählte ihm, dass sie auf der Terrasse schreckliche Schreie gehört hätte und das schreckliche Massaker, was sich vor ihrem Haus zugetragen hatte. »… und nachdem ich gesehen hatte, wie schwarzer Rauch aus den Mündern dieser Kinder herausflog und du später dasselbe erzählt hast, dass das auch bei Amelie war, war mir klar, dass du die Wahrheit gesagt hast. Peter, ich weiß nicht, was hier vor sich geht.«
Peter machte große Augen. »Heißt das, dass das, was sich in meinem Haus abgespielt hatte, sich auch in anderen Häusern abspielt?«
»Ich denke schon. Nicht nur in Häusern, sondern auch auf Straßen, wie ich vorhin selbst mit eigenen Augen gesehen habe. Diese Kinder waren nicht sie selbst. Irgendetwas muss sie verändert haben, aber was? Und bei der Polizei kommt man auch nicht durch. Kein Wunder, wahrscheinlich gehen zig Notrufe ein.«
»Wieso hast du die Polizei gerufen? Doch nicht wegen mir?«
»Nein, nicht wegen dir, sondern wegen dem Massaker vor dem Haus. Ich musste doch irgendjemandem Bescheid sagen, dass dort auf der Straße Kinder und Erwachsene tot liegen. Deswegen habe ich versucht, die Polizei anzurufen.«
»Ich verstehe ja deine Sorge, aber den toten Kindern kann jetzt auch niemand mehr helfen, so hart das klingen mag. Warte, mir fällt gerade ein, die Kinder, aus denen dieser schwarze Rauch aufgestiegen ist, müssten eigentlich noch am Leben sein. Ich meine, als das schwarze Etwas Amelie verlassen hatte, war sie später wieder normal.«
»Peter, dann müssen wir diesen Kindern gleich helfen und sie hierher bringen, denn draußen würden sie doch erfrieren. Außerdem wären sie geschockt, wenn sie aufwachen würden und die vielen Leichen sehen würden. Diese schrecklichen Bilder würden sie aus ihren Köpfen nicht herauskriegen.«
»Du hast recht. Während ich mich um die bewusstlosen Kinder kümmere, kannst du ja schon einige Kissen und Decken herrichten und das Sofa herausklappen. Das Sofa ist doch ausziehbar, oder?«
Cornelia lächelte ihn an. »Natürlich kann man die Couch ausziehen. Welche Couch ist denn heutzutage nicht ausziehbar?«
Peter verzog plötzlich schmerzverzerrt sein Gesicht.
»Schaffst du das mit deinem verletzten Bein?«
»Ich glaube, es wird schon gehen.«
Und kurz nachdem er diese Worte gesagt hatte, war er auch schon draußen. Cornelia legte als Erstes das Handy neben dem hohlen Kürbis, der verzweifelt darauf wartete, ein Gesicht zu bekommen. Bevor sie sich darauf stürzte, die Couch auszuziehen und die Kissen und Decken herzurichten, musste sie irgendwie noch Amelie in der Küche beschäftigen, wo sie immer noch auf ihren Vater wartete. Als Cornelia in die Küche ging, sah sie, dass Amelie am großen Küchentisch eingeschlafen war. Dies war Cornelia gerade recht, denn sie hatte überhaupt keinen Plan gehabt, mit was sie das kleine Mädchen beschäftigen könnte. In Windeseile kehrte sie ins Wohnzimmer zurück, zog die Couch heraus, öffnete einen der Unterschränke, der diverse Kissen und Decken enthielt, und bestückte die Couch damit. Wenn die Couch nicht ausreichen würde, sie wusste nicht genau, wie viele Kinder Peter hereinschleppen würde, dann würde sie eben noch ein paar zusätzliche Kissen und Decken auf dem Boden verteilen. Glücklicherweise hatte sie neulich, als die Decken und Kissen im Sonderangebot waren, gut zugeschlagen. Sie begutachtete zufrieden ihr Werk und stellte mit Genugtuung fest, dass es wie ein gut hergerichtetes Lazarett aussah. Da betrat auch Peter mit geschocktem Gesichtsausdruck, ein bewusstloses Kind auf beiden Armen tragend, schon das Wohnzimmer. Sehr vorsichtig legte er ein kleines rothaariges Mädchen auf die hergerichtete Couch und deckte sie behutsam zu. Schon war er wieder draußen, um das nächste Kind zu holen. Als er zum zweiten Mal hereinkam, hatte er einen kleinen braunhaarigen Jungen auf den Armen, den er neben dem kleinen Mädchen ablegte und ebenfalls zudeckte. Nach einer geraumen Zeit füllte sich allmählich das Wohnzimmer mit sieben Kindern. Mehr lebende Kinder hatte Peter nicht mehr gefunden. Es mussten diejenigen gewesen sein, die Cornelia zuvor hatte töten sehen. Jetzt lagen sie alle vereint da und schliefen friedlich wie die Engel. Es waren vier Mädchen und drei Jungs. Ein paar von den Kindern waren darunter, die Cornelia aus der Nachbarschaft kannte, es waren Spielkameraden von Justin.
Während Peter die Kinder betrachtete, sagte Cornelia: »Ich wisch mal kurz die Scherben im Flur weg, nicht, dass eines der Kinder nach dem Aufwachen sich an ihnen verletzt. Peter, du kannst dir ja schon einmal eine plausible Geschichte ausdenken, die du den armen Kleinen erzählst, wenn sie hier orientierungslos aufwachen und fragen, wieso sie hier bei uns sind. Wenn sie das viele Blut, das an ihnen klebt, bemerken und dich fragen, woher das kommt, ist es am besten, du sagst ihnen, dass das alles Kunstblut ist. Das hat bei deiner Tochter ja auch bestens funktioniert.«
Peter blickte lächelnd zu Cornelia. »Wie wäre es, wenn du die Aufgabe übernehmen würdest?«
»Das würde ich ja sehr gerne, aber aus dem Stegreif eine plausible Geschichte zu erzählen, dafür bin ich momentan zu sehr geschockt.«
Cornelia eilte in die Küche, öffnete den unteren Küchenschrank leise, um nicht Amelie zu wecken, bewaffnete sich mit Kehrschaufel und Besen, wieder einmal, ging in den Flur und fegte die Scherben und Süßigkeiten vom Boden auf. Sie ging in die Küche zurück und kippte das Zusammengekehrte vorsichtig, um keinen Laut zu machen, in den Müll. Da sie ohnehin schon in der Küche war und die drei schmutzigen Teller im Spülbecken sah und diese ihren Ordnungssinn als Sternzeichen Jungfrau störten, wusch sie diese in dem bereits darin befindlichen Spülwasser kurzerhand ab, trocknete sie danach mit einem am Haken hängenden Geschirrtuch ab und stellte sie ordentlich in den oberen Hängeschrank hinein. Für einen Außenstehenden würde es banal wirken, sich in so einer chaotischen Situation mit so einfachen Haushaltstätigkeiten zu beschäftigen, doch Cornelia fand darin eine gewisse Beruhigung in diesem grausamen Geschehen.
Ihr Blick fiel auf die schlafende Amelie, und ihr wurde bewusst, dass sie, während sie abgespült hatte, ganz vergessen hatte, dass das kleine Mädchen sich noch schlafend am Küchentisch befand. Glücklicherweise war sie durch den Abspülvorgang nicht aufgewacht.
Sie kehrte mit etwas beruhigteren Nerven zu Peter zurück und überlegte, wie sie ihm klarmachen sollte, dass ihre Schwester Veronika, die eine echte Hexe war, sich mit solchen übersinnlichen Phänomenen – nun war sie felsenfest davon überzeugt, dass es sich nur um solche handeln konnte – auskannte. Bevor Cornelia sie anrufen wollte, beschloss sie, ihm kurz etwas über sie zu erzählen. Als Cornelia ihm sagte, dass ihre Schwester eine Hexe sei, begann Peter zu schmunzeln, als hätte sie ihm gerade einen Witz erzählt. Um ihn zu überzeugen, dass es tatsächlich Hexen und ihre magischen Kräfte gab, tat sie etwas, dem sie eigentlich abgeschworen hatte. Sie sagte ihm, er solle jetzt sein Augenmerk auf das Handy richten und sich nicht erschrecken. Konzentriert blickte sie ihr Mobiltelefon an, das neben dem hohlen Kürbis lag.
Peter wusste nicht, wieso er zu dem Handy blicken sollte. Sie streckte ihren rechten Arm mit der Handfläche nach oben in Richtung des Handys aus und bewegte leicht ihren Arm nach oben. Peter blinzelte ungläubig, als er sah, wie es ruckelte und sich langsam einen Meter in die Luft erhob. Er sagte, dass das ein Trick sei. Als Cornelia bekräftigte, dass das echt wäre, ging er lachend auf das Handy zu und versuchte, unsichtbare Fäden zu finden, die das Handy hochzogen, doch er fand keine. Cornelia machte eine heranziehende Handbewegung, und das Handy flog immer schneller werdend in ihre Richtung. Sie fing es gekonnt mit der Hand, mit der sie die Bewegung ausführte, auf. Peter hatte dies gesehen und konnte es sich immer noch nicht erklären. Als er sah, dass Cornelia aus der Nase blutete, näherte er sich ihr schnell und machte sie darauf aufmerksam. Er reichte ihr ein Taschentuch, mit dem sie das Blut abwischte und es in ihre Hosentasche tat. Cornelia sagte, dass das normal sei, da es einer gehörigen magischen Anstrengung bedurfte, ein Objekt schweben zu lassen. Auf seine Frage hin, ob sie auch größere Gegenstände, wie den Kürbis zum Beispiel, in die Luft bewegen könne, sagte sie, dass sie schon seit Langem aus der Übung wäre und es für sie lebensgefährlich werden könnte, weil es ihr zu viele Kräfte rauben würde. Sie erzählte ihm kurz ihre Familiengeschichte, dass ihre Mutter ebenfalls eine Hexe gewesen wäre und sie und ihre Schwester, als sie klein waren, sie schon in die Hexenmysterien eingeweiht hatte. Als Cornelia jedoch achtzehn Jahre alt war und Veronika ihre eigene Hexengruppe als Hohepriesterin gründete, sie nannte ihn Moonlight Coven, hörte sie auf zu praktizieren, als bei Veronikas Coven während einer Übungsstunde von Telekinese sich einmal eine Hexe mit ihren Kräften übernommen hatte, als sie sich selbst versuchte zu levitieren und ihr dabei das Blut aus der Nase und den Ohren herausströmte und letztendlich im Krankenhaus entkräftet verstarb. Dies war der Grund, weshalb Cornelia beschloss, die Hexengruppe zu verlassen und mit diesen magischen Dingen nichts mehr am Hut haben zu wollen.
Nachdem sie Peter die Geschichte aus ihrer Vergangenheit erzählt hatte, blickte er sie mit großen Augen an. Sie schloss mit den Worten, dass er ihr glauben könne oder auch nicht, das sei seine Sache, sie müsse jetzt ganz dringend ihre Schwester anrufen. Just in dem Moment klingelte das Telefon. Cornelia sah auf das Display, dass Veronika sie gerade anrief. Dies wunderte sie nicht, da es ihr schon oft passierte, dass sie beide, wenn eine von ihnen an die andere dachte und anrufen wollte, die andere schon die Initiative ergriffen hatte und anrief. Cornelia hob ab.
Mit besorgter Stimme fragte Veronika: »Cornelia? Cornelia?«
»Ja, ich bin’s.«
»Göttin sei Dank, dass du abgehoben hast und unversehrt bist. Schwester, irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas Böses geht hier in Hamburg und in Teilen von Deutschland um. Im Fernsehen wird in allen Kanälen darüber gesprochen. Sie haben den Notstand ausgerufen und gesagt, dass die Leute in ihren Häusern und Wohnungen bleiben sollen und unter keinen Umständen auf die Straße gehen sollen.«
»Ich weiß, Veronika. Ich habe es selbst mit meinen eigenen Augen gesehen, wie harmlose Kinder auf ihresgleichen und Erwachsene einstachen.«
»Also hast du es auch gesehen?«
»Ja, es war einfach grauenvoll.«
»Es betrifft nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene. Ich war vorhin Zeugin, wie meine Nachbarin, du kennst doch Gertrud, die ältere Dame, ihren Mann im Garten mit einem Fleischklopfer bearbeitete und danach schwarzer Rauch aus ihrem Mund aufstieg und sie neben der Leiche ihres Mannes niedersank. Ich habe in den alten Grimoiren von unserer Mutter geblättert und habe entdeckt, dass es sich dabei um einen mächtigen Besessenheitsfluch handelt. Viele Leute in den Regionen Deutschlands wurden Opfer dieses Fluchs. Ich weiß, wie der Fluch übertragen wird.«
»Erzähl!«, sagte Cornelia mit zittriger Stimme.
»Als ich in den alten Grimoiren blätterte, stieß ich auf eine alte magische Technik, mit der man mental einen Egregor erschaffen kann. Dies ist ein lebendiges Wesen, das durch einen Magier mental erschaffen wird. Ein Egregor kann bestimmte Aufgaben ausführen, zum Guten wie zum Bösen. Und es ist ja nicht zu übersehen, dass dieser Egregor sozusagen in mehrere Bestandteile zerlegt wurde und in mehreren Objekten aufbewahrt wird. Cornelia, halt dich fest, dies sind in diesem Fall die Kürbisse. Was für eine Ironie, da ja gerade die Kürbisse laut Halloweentradition Gutes bewirken und den verlorenen Geistern heimleuchten sollen.«
Cornelia zuckte zusammen. »Kürbisse? Wie kommst du darauf, dass es Kürbisse sind?«
»Ich habe mir vom Supermarkt so einen Bio-Kürbis besorgt, und als ich in meiner Wohnung angelangte, fiel mir dieser Kürbis plötzlich herunter, als hätte eine unsichtbare Hand ihn erfasst. Als er auf dem Boden auftraf, sah ich, wie der Kürbis unter langem Stöhnen eine schwarze Wolke gebar, die mir versuchte, in den Mund zu gelangen. Ich dankte der Göttin, dass ich mein Schutzpentagramm umhängen hatte, das sofort aufglühte und mich kurz in weißes Licht tauchte. An diesem Schutz prallte die schwarze Wolke ab und löste sich dann auf, nachdem sie keinen anderen Wirt befallen konnte. Dies alles wurde begleitet durch ein langgezogenes Stöhnen.«
Cornelia keuchte auf. »Dasselbe ist mir auch passiert.«
»Göttin, nein! Geht es dir gut? Ist mit Justin alles in Ordnung?«
»Ja, uns geht es den Umständen entsprechend. Wir hatten uns für Halloween aus dem hier nahe gelegenen Supermarkt ebenfalls einen Bio-Kürbis gekauft und ihn in die Küche gestellt. Als wir im Wohnzimmer waren, vernahmen wir ein stöhnendes Geräusch aus der Küche. Ich dachte, dass irgendjemand eingebrochen wäre. Als wir in der Küche angelangten, sahen wir den heruntergefallenen Kürbis auf dem Boden.«
Veronikas Stimme nahm einen entsetzten Ton an. »Hat euch die schwarze Wolke erfasst?«
»Nein, eine derartige Wolke haben wir nicht gesehen.«
»Dann muss sie sich aufgelöst haben. Göttin sei Dank habe ich letzte Woche, als ich bei euch zum Kaffeetrinken war, euer Haus ausgeräuchert und mit einem Schutzzauber versehen. Ist der Kristall schwarz?«
Cornelias Herz pochte laut, und sie blickte zur sich drehenden metallenen Spirale, die von ihrem Wohnzimmerlüster hing und an deren Ende sich eine Kristallspitze befand. Sie schrak zusammen, als sie sah, dass die zuvor weiße Bergkristallspitze nun tiefschwarz war.
»Ja, schwarz wie die Nacht«, sagte sie mit zittriger Stimme.
»Dann bin ich froh, dass mein Zauber funktioniert hat. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn es nicht gewirkt hätte.«
»Veronika, mir fällt gerade noch etwas ein, was ich dir noch sagen wollte.«
»Ja?«
»Nachdem der Kürbis kaputtgegangen ist, habe ich mir einen neuen geholt, und zwar von einem Kürbisstand. Bei diesem Kürbis ist aber gar nichts passiert.«
»Das ist ja hochinteressant. Anscheinend bezieht sich der Fluch nur auf Kürbisse aus den Bio-Supermärkten. Wie gesagt, mein Kürbis, den ich in einem Supermarkt gekauft habe, war auch verflucht.«
»Wie dem auch sei, Justin und ich sind dir sehr dankbar für den Schutzzauber. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann?«
»Ja, es gibt da etwas. Das war auch der Grund meines Anrufs. Um die Quelle dieses Übels herauszufinden, bräuchten wir dich. Ich weiß, dass du nichts mehr mit Magie zu tun haben willst. Aber dieses eine Mal brauchen wir noch deine Kräfte. Ich habe vorhin meine Hexenschwestern und Hexenbrüder zusammengetrommelt, und sie befinden sich derzeit in meiner Wohnung. Ich habe alle erreicht, außer Akron, der einfach nicht an sein Handy rangeht. Um meinen Coven zu komplettieren und damit wir dreizehn Hexen sind, musst du ihn bitte ersetzen. Nur mit dir können wir den Zauber wirken und den bösen Magier lokalisieren.«
»Okay, ich fahr gleich los.«
»Beeil dich bitte! Sei gesegnet!«
»Sei gesegnet!«
Cornelia beendete die Verbindung. Diese Worte hatte sie schon lange nicht mehr benutzt, aber es tat ihr unendlich gut, sie wieder auszusprechen. Sie bemerkte, dass Peter gar nicht mehr im Wohnzimmer war und im angrenzenden Bad rumorte. Als sie dorthin ging, sah sie gerade, wie er sich selbst ein Verband anlegte. Er hatte im Mund ein zu einer Rolle geformtes Handtuch stecken. Als ihr Blick auf das blutige Messer im Waschbecken fiel, wurde ihr klar, dass er sich doch tatsächlich das Messer selbst herausgezogen hatte und vor Schmerz auf das Handtuch gebissen haben musste. Sie dachte für einen kurzen Moment, dass ihm seine Krankenpflegerausbildung, die er jetzt im Vollberuf ausübte, zugutekam. Dies war eines der Themen, über das sie sich ausführlich beim langen Spaziergang von Cornelias Haus zum Kürbisstand unterhalten hatten. Auf Peters fragenden Blick hin sagte sie ihm nur, dass sie sofort zu ihrer Schwester müsse. Sie würde ihm hinterher alles erklären. Er solle in der Zwischenzeit auf die Kinder aufpassen und er könne ihnen und sich selbst aus dem vollen Kühlschrank ein Abendessen zaubern. Anbei erwähnte sie noch knapp, dass im untersten Fach das Fruchtfleisch des Kürbisses für eine Kürbissuppe bereitstand.
Sie sah aus dem Augenwinkel, dass Justin im Badezimmertürrahmen stand, obwohl sie ihm ausdrücklich gesagt hatte, dass er oben in seinem Zimmer bleiben solle. Doch sie konnte ihm nicht böse sein. Auf Justins Frage, wieso fremde Kinder im Haus seien, antwortete sie gelassen, dass Peter ihm das erklären würde. Sie sagte zu Justin, dass sie dringend wegen einem Notfall, näher ging sie nicht darauf ein, Tante Veronika aufsuchen müsse, aber bald wieder zurückkommen würde und dass er sich keine Sorgen machen solle, da alles, was er vermeintlich Schreckliches gesehen und gehört hatte, zu einem Spiel von Halloween gehören würde. Dann küsste sie ihre beiden »Männer«, zog ihren Mantel und Schuhe an, nahm ihren Wohnungs- und Autoschlüssel und verließ das Haus.
Sie brauchte einige Zeit, um zu Veronikas Wohnung in Eppendorf zu gelangen. Überall fuhren Krankenwägen, Feuerwehrautos mit Martinshorn und Polizeiautos mit Sirenen und Blaulicht. Sie gelangte nur durch eine Umleitung zu ihrer Schwester. Es war gerade so, als wäre ein Terroranschlag auf Deutschland verübt worden.
Sie parkte direkt vor Veronikas Haus, schaltete den Motor ab und blieb ein wenig im Auto sitzen, da sie gerade an Susanna dachte und das schreckliche Bild erst verarbeiten musste. Cornelia hatte nämlich auf der Fahrt etwas Schreckliches gesehen. Kurz nachdem Cornelia von ihrem Haus wegfuhr und in eine Straße einbog, hatte sie am Straßenrand Susanna tot liegend auf einem Fußgängerweg gesehen und dass ihre Tochter um sie herzzerreißend geweint hatte. Als Cornelia langsam vorbeifuhr, hatte sie neben dem Mädchen ein blutiges Messer bemerkt. Es hatte sich eine Menschentraube um beide versammelt, und einige Menschen hatten das kleine Mädchen von ihrer Mutter weggezogen. Cornelia war sich sicher, dass das Mädchen ebenfalls besessen war und ihre Mutter abgestochen haben musste, danach zu sich kam und geschockt war, als sie ihre Mutter erstochen sah. Cornelia erinnerte sich, dass sie Susanna im Supermarkt getroffen hatte. Sie hatte ebenfalls einen Kürbis gekauft. Das Mädchen musste ebenfalls Opfer einer Besessenheit gewesen sein.
Als Cornelia sich ein wenig gesammelt hatte und ausstieg, hörte sie schon Schreie und chaotische Rufe von allen Seiten. Auch hier in Eppendorf ging der Fluch um, es war kaum zu überhören. Kaum war Cornelia an der Klingel angelangt, öffnete Veronika in einem Ritualgewand die Tür. Auf Cornelias fragenden Blick hin, sagte sie, dass sie ihre Ankunft gefühlt hatte. Cornelia musste gar nicht erzählen, warum sie so lange gebraucht hatte, denn Veronika wusste schon, dass sie eine Umleitung nehmen musste. Cornelia und Veronika hatten schon immer die Gabe der Hellsichtigkeit gehabt. Das spezielle Talent in ihrer Hexenfamilie war immer schon die Vorahnung gewesen, die sich aber nur in nahen Verbindungen zu den Familienangehörigen zeigte.
Sie umarmten sich kurz und küssten sich zur Begrüßung auf die Wangen.
Sie zog im Flur ihre Schuhe und ihren Mantel aus, hängte diesen in den Garderobenschrank und ließ sich von Veronika in den Wohnraum geleiten, wo sich schon elf Personen im Schneidersitz niedergelassen hatten und sie freundlich begrüßten. Im Wohnraum war sämtliches Licht heruntergedimmt. Alle männlichen und weiblichen Hexen hatten ihre Ritualgewänder an und waren barfuß. Ein jeder von ihnen trug eine Pentagrammkette um den Hals, das stärkste Schutzsymbol der Hexen, das die vier Elemente darstellte, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Während Cornelia ihren Platz im Kreis einnahm und leicht verunsichert wirkte, lächelten ihr alle freundlich zu. Veronika sagte zu ihr, dass sie im Osten säße und dass sie das Element Luft repräsentieren würde. Sie bemerkte vor sich eine große Kerze. Als sie zu den gegenübersitzenden Hexen blickte, sie saßen im Westen, sah sie, dass vor einer von ihnen ebenfalls eine große Kerze stand. Cornelia wusste, dass diese Hexe das Element Wasser repräsentierte. Ebenso stellte sie fest, dass noch vor zwei anderen Hexen je eine Kerze stand, die jeweils im Süden und im Norden standen. Die männliche Hexe im Süden stand für das Element Feuer, und die Hexe im Norden symbolisierte das Element Erde. In der Mitte des Kreises lag am Boden eine Deutschlandkarte, in deren Mitte ein gläsernes spitzes Pendel lag. Es war durchsichtig, und in seinem Inneren schien sich etwas Oranges zu befinden. Veronika sah, dass ihre Schwester fragend dorthin blickte und erklärte ihr, dass sich in dem Pendel Teile des besessenen Kürbisses befanden, den sie in ihrem Besitz gehabt hatte. Sie erklärte ihr, dass sie im Ritual mithilfe des Pendels und der Karte den Schwarzmagier lokalisieren wollten.
Dann begann das Ritual. Alle Hexen fassten sich an den Händen und schlossen so den Kreis. Cornelia spürte sofort, wie Energie durch ihre Hände floss. Als Hohepriesterin begann Veronika, alle vier Elemente in den Kreis zu rufen. Als sie einen nach den anderen rief, entflammte jeweils die Kerze, die für dieses Element stand. Cornelia wusste, was nun zu tun war. Sobald ihre Elementkerze entflammt war, stellte sie die brennende Kerze hinter sich auf den Boden ab. Dies taten ihr die drei anderen Hexen nach, als ihre Elementkerzen wie von Geisterhand brannten. Veronika stand auf, nachdem sie die Hexen links und rechts von ihr gebeten hatte, sich an den Händen zu halten, um den Schutzkreis aufrechtzuerhalten, was sie dann auch taten. Als die Hohepriesterin beide Arme erhebend die Göttin Hekate anrief und in den Kreis einlud, erhob sich ein langsam aufkommender Wind, der allen anwesenden Hexen die Haare zerzauste. Der Wind war ein Zeichen dafür, dass die Göttin in ihrer Mitte war und sie begrüßte. Die Energie, die sich im Kreis aufbaute, war immens und durchströmte alle. Die Hohepriesterin bat die Göttin im Namen aller Anwesenden um Hilfe und erklärte ihr Begehren, den Übeltäter ausfindig zu machen. Daraufhin erhob sich das gläserne Pendel etwas in die Luft, als hätte es eine unsichtbare Hand hochgezogen. Es schwang über der Karte hin und her, um dann urplötzlich sich mit der Kristallspitze in einer schnellen Abwärtsbewegung in die Karte hineinzubohren. Veronika ging zur Karte hin, beugte sich vor und zog den Kristall aus der Karte heraus. Sie glaubte ihren Augen kaum zu trauen, der Ort, an dem in der Karte ein Loch war, kam ihr sehr bekannt vor. Sie assoziierte diesen Ort sofort mit Akron. Sie fühlte ein herbes Maß an Enttäuschung in sich, weil sie ihm immer vertraut hatte und er einer ihrer besten Hexenschüler war. Sie fühlte sich komplett hintergangen. Sie teilte mit trauriger Stimme mit, dass sie alle den Schwarzmagier sehr gut kannten und sie seit langer Zeit einen Wolf in ihrer Schafsherde gehabt hatten und dass dieser Wolf Akron hieße. Einige der Hexen schlugen entsetzt ihre beringten Hände vor die Münder. Veronika war nun der Zusammenhang klar, wieso er nicht erreichbar war. Sie teilte den anderen Hexen mit, dass sie mit ihrer Schwester zu ihm fahren würde und bat sie, dass sie den Kreis aufrechterhalten müssten, um einen Schutzzauber um Cornelia und sie zu weben. Sie wies Cornelia an, aufzustehen und sagte den beiden Hexen links und rechts von ihr, dass sie sich sofort an den Händen halten müssten, um den Kreis zu halten. Als Cornelia ihrer Aufforderung nachkam, nahmen sich die anderen beiden sofort an den Händen. Daraufhin verließ Cornelia mit Veronika den Kreis, der beim näheren Hinsehen eine blaue Energieblase um alle Hexen herum bildete, indem Veronika mit ihrem Athame eine Öffnung hineinschnitt, deren Ränder tiefblau schimmerten. Als sie durch diese Öffnung hindurchtraten, verschloss Veronika das Tor in entgegengesetzter Richtung mit ihrem Athame wieder. Das tiefblaue Energieflimmern verschwand, und der Kreis war wieder eine intakte Blase um die Hexen herum.
Sie öffnete ihre Hexentruhe und entnahm ihr eine kleine Holzkiste. Diese klappte sie auf, um sich zu vergewissern, dass sich auch eine kleine Puppe darin befand. Als sie zufrieden feststellte, dass sie sich darin befand, schloss sie die Kiste und ging zu ihrem Altar, wo sie alle roten Hexenschnüre der Covenhexen aufbewahrte. Jede Hexe hatte bei ihrer Einweihung in den Coven ihre rote Hexenkordel bekommen, die im Besitz der Hohepriesterin blieb. Jede von ihnen befand sich in einer kleinen Plastiktüte, worauf der jeweilige Hexenname stand. Sie brauchte ein paar Sekunden, um die von Akron zu finden und dankte der Göttin, dass dieser wohl nicht daran gedacht hatte, ihr seine Hexenschnur in einem ungeachteten Moment zu entwenden. Sie verließen beide die Wohnung, liefen die Treppen hinab, öffneten die Eingangstür, stiegen in Cornelias Auto und fuhren los.
Cornelia fuhr nach den Anweisungen von Veronika, die genau wusste, wo Akron wohnte. Er besaß einen Bauernhof und war immer schon im regen Handelsverkehr mit seinen Bio-Produkten mit den Supermärkten gestanden. Sie war sich jetzt sicher, dass dies alles nur darauf abgezielt hatte, diesen bösen Zauber zu wirken. Eines verstand sie jedoch nicht, und zwar, wieso er diesen Hass auf seine Mitmenschen hatte, auf Menschen, die ihm nie etwas getan hatten.
Veronika präparierte während der Fahrt die Puppe. Sie verwendete einige Beschwörungsformeln und band währenddessen Akrons Hexenschnur um die Leibesmitte der Puppe. Nach vollendetem Zauber schimmerte diese leicht bläulich, ein Zeichen dafür, dass sie mit ihm verbunden war. Sie konnte den Puppenzauber aus der Ferne nicht wirken. Beruhigt schloss sie schnell die Kiste.
Nach kurzer Zeit, Cornelia fuhr wie eine Irre, erreichten sie das Gehöft von Akron und sahen, dass sich über seiner Scheune schwarze Wolken ballten. In den Wolken zuckten Blitze hin und her. Das Scheunentor stand sperrangelweit offen. Cornelia parkte das Auto direkt vor der Scheune und verließ mit ihrer Schwester, die krampfhaft die kleine Kiste in ihrer rechten Hand hielt, das Auto. Sie gelangten ans Scheunentor und glaubten ihren Augen kaum zu trauen. Im Inneren der Scheune schwebte Akron in der Luft, seine Augen waren tiefschwarz, und er machte einen entrückten Eindruck. Eine riesige schwarze Kugel schwebte vor ihm in Brusthöhe, die von dunklen ätherischen Schnüren, die von seinem Herzen ausgingen, genährt wurde.
Er blickte zu Veronika, sein Blick war abgrundtief böse. »Veronika, und du nennst dich Hohepriesterin? Ich hätte dich schon viel früher erwartet. Also habt ihr herausgefunden, dass meine Kürbisse, meine Kinder, dahinterstecken. Ihr kommt zu spät!« Seine Stimme klang verfremdet und tief und hallte dröhnend von den Scheunenwänden wider. »Meine Kinder des Hasses sind schon überall. Es hat eine Weile gedauert, bis sie gewachsen sind, aber ich habe sie gut genährt. Ich habe sie bei jedem Vollmond mit Tierblut getränkt, und sie haben es genossen und sind prächtig gediehen.«
Veronika blickte fragend zu ihm herauf. »Wieso, Akron? Woher dieser tiefe Hass auf die Menschen? Habe ich dich das gelehrt? Ich habe dich mit Liebe in meinen Coven aufgenommen. Du hast gerade gegen das höchste Hexengesetz verstoßen, niemandem Schaden zuzufügen.«
Akron lachte hämisch. »Du fragst, wieso? Ich tue etwas Gutes für die Menschheit. Ist dir die ganze Überbevölkerung noch nicht aufgefallen? Überall, wo man hingeht, ob in die U-Bahn, S-Bahn, ins Kino, überall sind rücksichtslose Menschenanballungen und –schlangen, an die man sich anstellen muss. Um die Bevölkerung zu minimieren, habe ich eine geistige Wesenheit erschaffen, deren Essenz ich in alle meine Kinder geleitet habe. Und seht her, wie die schwarze Kugel wächst und wächst! Jedes meiner Kinder, das seinen Auftrag, getötet zu haben, erfüllt hat, kehrt zu mir zurück.«
Veronika blickte ihn entsetzt an. »Du hast ja überhaupt keine Ahnung, mit welchen dunklen Mächten du dich einlässt. Du nimmst wegen so etwas Banalem unzählige Menschenleben in Kauf und zwingst unschuldige Kinder und Erwachsene dazu zu morden?«
»Es ist mir egal! Niemand wird wissen, dass ich dahinterstecke. In der heutigen Zeit glauben die Leute nicht mehr an Magie. Niemand kann mich aufhalten!«
»Da irrst du dich gewaltig, denn du kennst meine ganze Macht noch nicht.« Bei diesen Worten öffnete sie die kleine Kiste und entnahm ihr die Puppe.
Während sie verzweifelt in der Kiste nach der Nadel suchte, sagte Akron höhnisch, als er die Puppe sah: »Eine Puppe soll mich vernichten? Meinst du, ich habe nicht daran gedacht? Die Nadel wirst du nicht finden, Hohepriesterin.« Letzteres sagte er im spöttischen Unterton. »Die Nadel habe ich beim letzten Coventreffen entwendet. Außerdem hast du ja nicht einmal einen Gegenstand, der mir gehört, also kannst du gar nichts gegen mich ausrichten.« Nun erkannte er die rote Hexenkordel, die um die Puppe gewickelt war, und er sagte laut: »Nein! Du wirst mich nicht vernichten!« Mit einer Handbewegung zog er aus der schwarzen Kugel einen dicken Energiefaden, den er blitzschnell gegen die Hohepriesterin schleuderte.
Cornelia sah dies und schrie laut zu ihrer Schwester: »Veronika, pass auf!«
Doch als Veronika aufblickte, sie hatte seinen Worten keinen Glauben geschenkt und weiter nach der Nadel gesucht, hatte sie der schwarze Energieball schon getroffen und schmetterte sie seitlich an die Scheunenwand, und sie sank ohnmächtig zu Boden. Nicht einmal der Schutzzauber ihrer Hexenschwestern und Hexenbrüdern vermochte, den starken schwarzmagischen Angriff abzuwehren. Im hohen Bogen flog die Puppe durch die Luft, die Cornelia geistesgegenwärtig auffing. Als Akron auch versuchte, auf sie einen Energieball zu schleudern, sprang sie geschickt zur Seite in Richtung der kleinen Holzkiste hin, die umgestürzt auf dem Boden lag. Sie schaute fieberhaft in die Kiste, um sicherzugehen, dass Akron nicht log und sich vielleicht doch die Nadel für die Puppe in der Kiste befand. Sie entdeckte aber nur ein bisschen Stroh und sonst nichts.
»Wo ist die verdammte Nadel?«, fragte sie sich selbst, während sie verzweifelt den Boden nach der Nadel absuchte, da sie annahm, sie wäre herausgefallen.
Plötzlich kam ihr die Lösung. Während sie die Puppe in der rechten Hand hielt, griff sie mit der linken in ihre hintere Gesäßtasche, zog die lange Haarnadel heraus, grinste Akron hämisch an und rammte die Nadel mit aller Kraft in die Herzgegend der Puppe. Just in dem Moment, als sie die Nadel hineinstieß, erfassten sie die schwarzen Energiefäden und zogen sie unbarmherzig zu Akron hin, der mit einem schmerzerfüllten Aufschrei, da sich die schwarze Kugel langsam aufzulösen begann, Cornelias Hals zudrückte. Sie rang um Luft.
»Nein!«, schrie Justin und fuhr aus seinem Bett hoch. Schweißgebadet blickte er sich um. Er brauchte einen Moment, um sich zurechtzufinden. Danach sprang er schnell aus seinem Bett, knipste seine Nachttischlampe an und blickte mit einem tiefen Ausatmen auf seinen Kalender. Der Kalender zeigte den zwölften September an, obwohl eigentlich schon der dreizehnte war. Er hätte ihn umgeschlagen, wenn er in der Früh aufgestanden wäre. Erleichtert atmete er auf, da er sich sicher war, dass das alles noch nicht geschehen war.
Cornelia stürmte in sein Zimmer rein. »Hast du gerade geschrien, Justin? Wieso bist du wach? In ein paar Stunden ist doch Schule.«
Er rannte zu ihr hin und umarmte sie innig. »Ich hab dich lieb!« Er löste die Umarmung und blickte sie liebevoll an.
»Ich habe dich auch lieb! Und jetzt ab ins Bett!«
Er hüpfte wieder ins Bett, und seine Mutter deckte ihn liebevoll zu. Sie gab ihm noch einen Kuss auf die Stirn, schaltete die Lampe aus, ging zur Tür, und bevor sie diese schloss, sagte sie: »Mein Schatz, schlaf gut weiter!«
Justin wartete etwas, bis ihre Schritte verklangen. Dann stahl er sich auf Zehenspitzen aus seinem Zimmer, ging leise die Treppe herunter, nahm das Handy seiner Mutter vom Tisch und kehrte wieder leise in sein Zimmer zurück. Dann fiel ihm plötzlich das Grufti-Mädchen ein, das in seiner Vision ums Leben gekommen war. Er beschloss, sie rechtzeitig zu warnen, damit dieser schreckliche Unfall nie passieren würde.
Im Dunkeln wählte er Tante Veronikas Nummer. Danach blickte er auf seinen Wecker, der 02:16 Uhr anzeigte, und hoffte inständig, dass sie abhob.
»Cornelia?«, fragte Veronika verschlafen.
»Nein, ich bin’s, Tante, Justin.«
»Justin? Deine Mutter wäre nicht erfreut, wenn sie erfahren würde, dass du nicht im Bett bist.«
»Tante, es ist schon wieder passiert, ich hatte wieder eine Vision von der nahen Zukunft. Tut mir leid, dass ich dich so spät anrufe, aber du hast doch gesagt, dass ich dich anrufen kann, egal wann, wenn ich eine Vision habe. Ich hoffe, dass Akron es noch nicht gemacht hat.«
»Woher weißt du seinen Namen?«
»Er kam in meiner Vision vor. Er ist gefährlich! Er wird einen Egrogor oder so erschaffen. Ich weiß jetzt nicht genau, wie das heißt.«
»Einen Egregor?«, fragte Veronika mit geschockter Stimme. »Bist du dir sicher?«
»Ja, Tante, du musst ihn aufhalten! Sonst sterben sehr viele Menschen. Es wird grauenvoll werden. Tante, und noch etwas.«
»Ja, Justin?«
»In meiner Vision wusste ich sogar, was andere gedacht haben, zum Beispiel was Mama gedacht hat.«
»Deine Visionen werden umfassender, Justin. Nicht einmal ich vermag so zu sehen wie du. Die Göttin hat dich mit einer besonderen Gabe gesegnet, mein lieber Junge. Ich glaube dir, wie immer. Hättest du nicht neulich das vorausgesehen, dass die Bremsen meines Autos nicht intakt waren, würde ich jetzt gar nicht mit dir sprechen können.«
»Tante, stimmt es wirklich, dass Mama Gegenstände per Gedankenkraft bewegen kann?«
»Oh, Justin, das hast du auch gesehen? Versprich mir, dass du deiner Mutter nichts davon erzählst. Sei nicht böse, dass ich dir das nicht gesagt habe, aber deine Mutter hatte mich ausdrücklich gebeten, dir ihr Geheimnis nicht zu sagen. Normalerweise hat sie ihren Kräften abgeschworen. Sie ist nämlich auch eine Hexe, und du hast ebenfalls die Gabe, stärker als andere Hexen, die ich kenne.«
»Hatte Papa auch magische Kräfte?«
»Nein, hatte er nicht.«
»Wieso hatte ich diese Visionen nicht schon eher, wo Papa noch gelebt hat? Dann hätten wir vielleicht irgendetwas machen können, um ihn zu retten.«
»Sei nicht traurig, Justin. Du weißt doch, dass sich deine Kräfte erst nach dem Tod deines Vaters gezeigt haben. Durch die tiefe Trauer musst du sie aktiviert haben. Ich danke der Göttin, dass sie dir diese Fähigkeit geschenkt hat. Du hast schon so viel gesehen, und wir konnten rechtzeitig eingreifen, sodass Dank deiner Gabe viele Menschen gerettet werden konnten. Mein lieber Junge, dein Vater ist nicht umsonst gestorben. Es geschieht nichts ohne Grund, alles hat seinen Sinn. Er wäre sehr stolz auf dich! So, Justin, ich habe nun Block und Stift bereit. Und nun erzähl mir bitte von deiner Vision!«
Das Messer der Mambo
Es war der 31.10., ein klarer Morgen. Die Luft war kühl. Der Altweibersommer hatte sich definitiv verabschiedet, und die kältere Jahreszeit begann. Ralph machte das nichts aus, er liebte nicht nur den Herbst, weil die bunten Blätter fielen und es früher abends dunkel wurde, sondern auch, weil er in dieser Jahreszeit geboren war. Ganz besonders liebte er seinen heutigen Geburtstag, nicht zuletzt deshalb, weil heute auch noch Halloween war. Dies war sein absolutes Lieblingsfest im Jahr.
Er pfiff erfreut vor sich hin und ging die kleine Straße im Londoner Viertel Covent Garden entlang. Er hatte beide Hände in seinen Hosentaschen. Mit der rechten spielte er klimpernd mit dem darin befindlichen Münzgeld, das er heute zu seinem zwölften Geburtstag bekommen hatte, fünfundzwanzig Pfund in Münzen. Er hatte einfach nur gute Laune, denn er durfte sein blaues Sparschwein aus Porzellan schlachten. Seine Eltern hatten die Sparbüchse ein Jahr lang monatlich mit Kleingeld gefüllt. Von der Sparbüchse hatte er nicht gewusst. Erst heute hatten seine Eltern sie ihm geschenkt. Andere Kinder hätten fünfundzwanzig Pfund als wenig empfunden, doch für Ralph war es viel Geld. Seine Eltern lebten von Sozialhilfe und waren verarmt, weil sie viele Schulden hatten, die sie allmählich abzahlten.
Das Münzgeld brannte heiß zum Ausgeben auf seiner rechten Handinnenfläche. Seine Eltern hatten gesagt, er solle sich ohne schlechtes Gewissen einen schönen Tag machen und das Geld für sich ausgeben. Ralph wollte ihnen nämlich die fünfundzwanzig Pfund schenken, da sie ohnehin so wenig Geld hatten.
Ralph blickte auf. Am Ende der Straße vom Theaterviertel befand sich ein schäbiger alter Laden, dessen Schaufensterscheibe sicher schon eindeutig bessere Tage gesehen hatte, denn sie war sehr verschmutzt. Die Oktobersonne spiegelte sich milchig darin. Über dem Laden stand in großen Buchstaben »Seltsames & Rares«.
Wie magisch von einer inneren Kraft angezogen, begann der kleine Junge, die Ladentür des alten Geschäfts aufzustoßen. Er betrat das Innere des seltsamen Raritätenladens. Der erstaunte kleine Junge erkannte ein paar größere und kleinere Vitrinen, in denen sich merkwürdige Gegenstände befanden. Er konnte nicht genau erkennen, um was es sich bei ihnen handelte. Ein riesiger Tresen aus dunklem Holz dominierte den Mittelteil des Ladens, und auf ihm schien ein riesiger Haufen Lumpen zu liegen. Als er sich im Laden umschaute, stieß er plötzlich mit dem Kopf gegen Etwas. Mehrere seltsame Töne erklangen. Ralph blickte erschrocken hin und sah, dass er an ein von der Decke hängendes knochenartiges Windspiel gestoßen war.
Ralph erschrak sich fürchterlich, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung sah. Als er schnell dorthin blickte, sah er, wie sich die vermeintlichen alten Kleiderlumpen erhoben, und er registrierte erschreckt, dass es mitnichten ein Kleiderhaufen war, sondern ein in sich zusammengesackter dreckiger alter Mann, der eher einem Penner oder Landstreicher ähnelte als einem Verkäufer. Ralph entschuldigte sich vielmals, dass er den alten Mann scheinbar durch das Windspiel aufgeweckt hatte, an das er aus Versehen angestoßen war. Der alte Mann erwähnte, dass er froh sei, dass Ralph ihn aufgeweckt habe, sonst hätte er wohl oder übel noch länger geschlafen. Der Alte sagte zu Ralph, dass er, wenn er wolle, sich ruhig in seinem Laden umschauen könne. Ralph bedankte sich. Er klärte den älteren in Lumpen gekleideten Herrn auf, dass heute sein Geburtstag sei und er von seinen Eltern Geld bekommen habe, um sich ein schönes Geschenk zu kaufen. Der alte Verkäufer gratulierte ihm mit seiner knochigen Hand, die leicht knirschte, als Ralph sie entgegennahm.
Der alte Mann entschuldigte sich und verschwand in den hinteren Räumen, um sich einen Kaffee zu machen, damit er wach bleiben würde. Ralph sagte, dass er sich schon mal nach einem Geschenk, das vielleicht infrage käme, umsehen würde.
Als der Alte durch einen leicht verstaubten Flusenvorhang verschwand, wurde der Junge gleich von einem wunderschönen uralt wirkenden Messer angezogen, das sich in einem geöffneten roten Kasten links von ihm befand. Sein Augenmerk ruhte augenblicklich auf seinem schönen schwarzen Griff, der mit mehreren silbernen Zeichen verziert war. Die Klinge war zweischneidig, machte aber einen stumpfen Eindruck. Auf der Kiste befand sich ein Preisschild. Das alte vergilbte Preisschild war etwas unleserlich, aber er konnte dennoch den Preis erkennen, er betrug neunhundertundachtzig Pfund. Ralph rieb sich ungläubig die Augen und ärgerte sich, da der Preis viel zu hoch war, dabei hätte er dieses Messer doch so gern gehabt, es wäre das perfekte Geschenk für ihn zum Schnitzen gewesen.
Er hörte den Alten in der Teeküche rumoren, und bei seinem verschlafenen Tempo konnte es bestimmt noch eine Weile dauern, bis er zurückkehrte. Er spürte ein nie gekanntes Verlangen nach dem Messer. Ralph war, als hätte er nichts anderes als es jemals gewollt.
Flugs ging er zum Kasten, griff hinein, umfasste den Griff des Messers mit seiner Hand und holte es heraus. Das Messer war nicht schwer. Der Junge hatte erwartet, dass es ein schwereres Gewicht hatte. Wie ferngesteuert ließ er das wertvolle Messer in seiner rechten Jackentasche verschwinden. Er blickte sich suchend nach einem Kugelschreiber auf dem Verkaufstresen um. Auf der rechten Seite des Tresens lag auf einem alten Kreuzworträtselheft ein Kugelschreiber. Rasch drehte er das Rätselheft mit dem auf ihm liegenden Kugelschreiber um, nahm den Stift in die Hand und blätterte schnell mit der freien Hand nach einer einigermaßen leeren Seite. Als er sie gefunden hatte, schrieb er mit seiner jungen Schrift eine kurze Nachricht. Er entschuldigte sich vielmals, dass er das Messer an sich genommen hatte, dass die fünfundzwanzig Pfund als Leihgebühr zu verstehen wären und er das Messer bald zurückbringen würde. Er drehte das Heft mit seiner aufgeklappten Nachricht in die ursprüngliche Lage zurück und legte den Stift wieder oben drauf. Kurz darauf kramte er aus seiner rechten Hosentasche das gesamte Kleingeld heraus und legte es vorsichtig auf das aufgeklappte Rätselheft. Er musste sich beeilen, den Laden zu verlassen, da er jetzt den Alten vernehmen konnte, wie er zu sich selbst sagte, wo seine Tasse abgeblieben wäre. Ralphs Blick fiel erneut auf den Tresen, und er bemerkte eine weiße abgegriffene Tasse mit einem Dalmatiner-Motiv. Da er annahm, dass dies die Tasse war, nach der der alte Mann so verzweifelt suchte, nahm er schnell Reißaus und verließ den Laden.
Er lief und lief durch die sich langsam füllende Straße, die durch das Theaterviertel führte. Während seiner Flucht stieß er mit einer fülligen Frau zusammen, die gerade stolz ihre Obsteinkäufe in einem Korb vor ihren wogenden Brüsten trug und mit dem heutigen Tag beschlossen hatte, eine Obstdiät zu beginnen. Durch den Aufprall kullerten der Dicken sämtliche Früchte von ihrem Dekolleté und rollten fröhlich auf die Straße. Sie rief lauthals dem Jungen hinterher, was das denn solle, ob er denn Tomaten auf den Augen hätte, während hilfsbereite Passanten sich eifrig bückten und das gefallene Obst aufklaubten.
Als er das Viertel verlassen hatte, lehnte Ralph sich an einer roten Telefonzelle, um ein bisschen zu verschnaufen. Mit schnellem Blick prüfte er, ob das Messer sich noch in seiner rechten Jackentasche befand oder ob er es gar bei dem Zusammenstoß mit der fülligen Frau verloren hatte. Er atmete erleichtert auf, als er den wunderschönen Griff mit den eingravierten Zeichen in seiner Jackentasche sah. Nachdem er kurz durchgeatmet hatte, machte er sich auf den Weg zum Friedhof.
Er erreichte das Grab seines Bruders. Es war ein schlichtes Grab ohne Grabstein, da sich seine Eltern diesen nicht leisten konnten. Es war nur mit einem schlichten Holzkreuz versehen. Auf dem Querbalken stand mit schwarzen Buchstaben geschrieben »NEIL SMITH *1997 †2012«.
Ralph betrachtete die auf der Erde abgestellten geschnitzten Figuren. Es waren augenscheinlich um die dreißig. Fünf von ihnen waren umgefallen. Er richtete sie akribisch auf.
Schnitzen war seine große Leidenschaft. Er war seit einem Monat nicht mehr zum Grab seines Bruders gekommen, da seine Trauer und sein Verlust ihn immer mehr überwältigt hatten. Anfangs hatte er ihn öfters besucht und ihm bei jedem Besuch eine Figur geschnitzt. Das Schnitzen hatte sein Bruder ihm beigebracht.
Ralphs Leben hatte sich vor sechs Monaten komplett verändert. Der Albtraum hatte an einem Mittwochnachmittag begonnen. Wie jeden Mittwoch trafen sich Ralph und sein Bruder mit mehreren Freunden zum gemeinsamen Fußballspiel auf dem Bolzplatz in ihrem Viertel. Ralph hatte jedoch an diesem Mittwoch nicht mitgehen können, weil er für eine Matheschularbeit am nächsten Tag lernen musste. Da seine Mathenote im Zwischenzeugnis ohnehin schlecht war, musste er in dieser Arbeit besonders gut sein. Sein Bruder Neil hatte ihn damit aufgezogen, er solle doch später lernen, da sie ihn im Spiel bräuchten, aber Ralph hatte verneint und hatte es vorgezogen, stattdessen zu lernen. Ralph war nämlich ein glänzender Fußballspieler. Wäre er auch nur halb so gut in Mathe gewesen, wie er im Sport war, dann hätte er an diesem Tag nicht lernen müssen und wäre mit den anderen zusammen aufs Spielfeld gegangen. Sein großer Bruder, der fünfzehn Jahre alt war, hatte ihn liebevoll auf den Kopf getätschelt und gesagt, dass sie ohnehin schon einige Stunden spielen würden und er ohne Probleme nach dem Lernen noch nachkommen könnte. Ralph erinnerte sich, als wäre es erst gestern gewesen, wie sein Bruder, den Fußball tragend, die Wohnung verließ. Zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht gewusst, dass er seinen Bruder in diesem Leben das letzte Mal gesehen hatte. Kurz darauf hatte Ralph zu lernen begonnen. Während er lernte, hatte er die Sirenen eines Rettungswagens zwar gehört, ihnen jedoch keine weitere Beachtung geschenkt, da in seinem Viertel ohnehin viele alte Leute lebten und der Krankenwagen mit heulenden Sirenen oft mehrmals am Tag die Straße entlangfuhr. Als er den entsetzten Aufschrei seiner Mutter im Wohnzimmer vernommen hatte, ließ er vor Schreck seinen Stift fallen und eilte aus seinem Zimmer. Als er im Flur war, hatte er gesehen, wie seine Mutter kreidebleich im Gesicht war, am ganzen Körper zitterte, Ralph komplett ignorierte und an ihm vorbei aus der Wohnung stürmte. Dabei hatte sie ihr Handy auf den Flurboden fallen gelassen. Vollkommen perplex hatte er es aufgehoben und an sein Ohr gehalten, da er bemerkt hatte, dass die Verbindung noch stand. Am anderen Ende der Leitung hatte er nur schweres Atmen gehört. Dann hatte sich einer seiner Freunde gemeldet, der ihm im weinerlichen Tonfall mitgeteilt hatte, dass Neil tödlich beim Überqueren einer Straße verunglückt sei. Ein Laster war bei Rot gefahren und hatte den nichts ahnenden Neil, dessen Fußgängerampel Grün anzeigte und der zu dem Zeitpunkt die Straße betrat, brutal von der Seite her erfasst und hatte ihn mehrere Meter in die Luft geschleudert, wo er dann mit gebrochenem Genick auf dem harten Steinboden liegen geblieben war. Erst nachdem der Lastwagenfahrer den starken Aufprall bemerkt hatte, hatte er mit quietschenden Reifen eine Vollbremsung hingelegt. Durch Beamte der Polizei wurde später bei dem Fahrer Alkoholgeruch festgestellt. Der Alkoholtest ergab einen Wert von 2,75 Promille. Dem Fahrer wurde bis auf Weiteres der Führerschein entzogen, und er kam für ein Jahr ins Gefängnis wegen fahrlässiger Tötung. Doch egal, welche Strafe über den Fahrer verhängt worden wäre, das alles würde seinen Bruder auch nicht mehr ins Leben zurückholen.
Nachdem Ralph die umgefallenen fünf Schnitzfiguren wieder aufgestellt hatte, befreite er die Graberde seines Bruders von heruntergefallenen Blättern, die er sorgsam aufklaubte und in die in der Nähe befindliche Mülltonne hineinwarf. Neben der Mülltonne sah er einen heruntergefallenen Ast, der von der nahe stehenden Buche stammte. Der Ast kam gerade recht, da er sich ohnehin nach dem Entsorgen der Blätter auf die Suche nach einem zum Schnitzen geeigneten Stück Holz begeben wollte.
Er hob ihn auf und betrachtete ihn mit einem Lächeln. Er war nahezu perfekt. Ausgestattet mit dem Stück Holz ging er wieder zum Grab seines Bruders zurück. Er zog mit seiner rechten Hand das Messer aus der äußeren Jackentasche, ging vor dem Grab in die Hocke und begann, langsam die Rinde des Asts wegzuschnitzen. Wie immer hielt er während des Schnitzvorgangs Zwiesprache mit seinem Bruder. Er erzählte ihm mit Tränen in den Augen Neuigkeiten aus der Schule, dass er in der neuen Klasse in Mathe einer der Besten wäre, dass er sich in ein Mädchen namens Aurora verguckt hätte und noch vieles mehr, was seit einem Monat passiert war. Allmählich formte sich während des Schnitzens die Figur eines Adlers heraus. Seine Flügel waren eng an den Körper angelegt, sein majestätischer Kopf blickte mit dem scharfen Schnabel geradeaus. Ralph teilte seinem Bruder mit, dass dies sein Meisterstück darstellen würde. Es war eindeutig das Beste, was er je aus Holz geschnitzt hatte, und dies alles verdankte er nur dem neuen Messer, das die Form beinahe von alleine aus dem kantigen Stück Holz herausschnitt.
Als er gerade noch ein bisschen die Feinheiten der Flügel ausarbeiten wollte, indem er Einkerbungen an den Seiten schnitzte, rutschte er mit dem scharfen Messer aus und schnitt sich in den Finger. Er zuckte vor Schmerz zusammen und ließ das Messer und die Adlerfigur auf die Graberde fallen. Er blickte ungläubig auf das Blut, das leicht aus seinem Finger hervorquoll. Einige der vollen Tropfen hatten sich schon von der Fingerkuppe gelöst und waren in die braune Erde des Grabes getropft. Um das Blut zu stillen, steckte er sich den linken Zeigefinger in den Mund und sog kräftig daran. Ungläubig betrachtete er seine Adlerfigur, die an den Flügeln blutverschmiert in der Mitte des Grabes lag. Das Messer lag einen halben Meter daneben. Er sah ungläubig, wie die merkwürdigen Zeichen, die im Griff eingraviert waren, pulsierend violett aufleuchteten. Als er dachte, dass er die Blutung durch sein Saugen gestoppt hatte, nahm er den verletzten Finger aus seinem Mund. Blutgerinnung hatte sich schon an seiner Fingerkuppe gebildet.
Er setzte vorsichtig einen Fuß auf das erste Drittel des Grabes, um nicht zu sehr in der Erde zu versinken, bückte sich nach vorne, nahm das Messer mit der rechten Hand auf und ergriff mit der anderen die hölzerne Figur. Dann verließ er vorsichtig rückwärts das Erdreich.
Er ging ums Grab herum zur Nordseite, wo das Kreuz stand, wischte das Blut von der Figur am Jeansstoff seiner Hose ab und stellte die Adlerfigur zu den anderen geschnitzten Vorgängern auf den Boden. Dann nahm er das Messer in beide Hände und betrachtete es akribisch. Die violett leuchtenden Symbole waren überdeutlich auf dem Griff zu sehen. Er legte das Messer ruhig auf seine linke Handfläche und fuhr mit dem rechten Zeigefinger die Symbole auf dem Griff nach. Als er sie berührte, fühlte er, dass sie sonderbar warm waren. Er wollte gerade das Messer wieder in seiner Jackentasche verstauen, als ihm noch auffiel, dass an dessen Klingenspitze noch sein Blut klebte, das leicht rötlich schimmerte. Er wischte die Messerscheide ebenfalls an seiner Jeans ab und stellte danach fest, dass der Griff nicht mehr leuchtete. Er schüttelte das Messer ein paar Mal hin und her in der Erwartung, dass die Lichter am Griff wieder angingen, doch der Leuchteffekt kam nicht mehr. Er ließ die Sache auf sich beruhen. Ralph schob das Messer in seine Jackentasche, während er wieder vor das Grab ging. Er verabschiedete sich von seinem Bruder, nicht ohne ihm vorher zu sagen, dass er hoffe, dass ihm die neue Figur gefalle. Während er den Friedhof verließ, kam ein leichter Wind auf, der die Baumwipfel leicht hin- und herwogen ließ.
Er schloss die Tür zur Wohnung seiner Eltern auf. Die Tür der heruntergekommenen Wohnung quietschte leise, als er sie öffnete. Die Sozialwohnung war nur spärlich eingerichtet und wies nur einige wenige Möbel auf. Ralph zog seine alte Jacke aus, hängte sie an den Haken der morschen Garderobenleiste und schlüpfte aus seinen gebrauchten Schuhen, die er im Gang abstellte. Er ging ins Wohnzimmer, in dem sich sein Vater und seine Mutter sowie seine Oma befanden. Seine Eltern unterhielten sich angeregt. Im Hintergrund lief der Bildröhrenfernseher, einen moderneren konnten sie sich nicht leisten. Der Fernseher und das alte Mobiltelefon war der einzige Luxus, den sich seine Familie gönnte. Es lief eine Dokumentation über Tiere. Im Schaukelstuhl saß seine Oma und strickte für den kommenden Winter Socken für die Familie. Da die Familie auch Heizkosten sparen musste, mussten sie sich anderweitig behelfen. Ralphs Oma strickte alles Mögliche, von dicken Pullis bis zu langen warmen Schals. Ein Dutzend Kerzen brannte und spendete etwas Wärme und Licht.
Ralphs Mutter namens Sarah hielt im Sprechen inne, als sie sah, dass Ralph das Wohnzimmer betrat, während sein Vater einfach weiterredete. Sein Vater klang aufgebracht, da die Sozialhilfe wieder um einiges gesenkt worden war und er lamentierte, dass, wenn es so weitergehen würde, sie auch noch den Fernseher abmelden müssten. Sarah fragte zu Ralph gewandt, wo er denn so lange gesteckt habe. Ferner sagte sie, dass es schon beinahe acht Uhr abends sei. Sein Vater Tony hörte auf zu reden, nachdem er bemerkte, dass seine Frau ihm nicht mehr zuhörte. Er drehte sich um und blickte ebenfalls zu Ralph hin. Seine Oma strickte tonlos weiter, da sie schwerhörig war und von der Konversation nichts mitbekam.
Ralph erklärte, dass er sich ein schönes Geburtstagsgeschenk gekauft habe, ein Messer, das ihm ein freundlicher Händler in einem alten Trödelladen für genau fünfundzwanzig Pfund verkauft habe. Er erwähnte natürlich nicht, dass er das Messer nur »geliehen« hatte und sein Geburtstagsgeld nur als Leihgebühr gedient hatte. Er erzählte weiter, dass er danach einige Zeit am Grab von Neil verbracht habe und ihm wieder einmal eine neue Figur geschnitzt habe, diesmal mit dem neuen Messer. Dass er sich verletzt hatte, erwähnte er nicht. Den Rest des Nachmittags habe er bei David, seinem besten Freund, verbracht. David war derjenige, der ihm damals am Handy die Todesnachricht von Neil überbracht hatte und mit dem ihn seit dem Tod seines Bruders ein bestes freundschaftliches Verhältnis verband. Ralph sagte zu seiner Mutter, dass sie gemeinsam Playstation gespielt hätten und er vergessen habe, auf die Uhr zu schauen. Seine Mutter fragte ihn, ob er hungrig sei, woraufhin Ralph antwortete, dass er schon bei David gegessen habe, da seine Mutter darauf bestanden hätte, dass er mit ihnen zu Abend äße. Dass es kalten Braten gegeben hatte, Rostbeef, um genauer zu sein, verschwieg er, da er wusste, dass seine Familie sich so ein leckeres Essen nicht leisten konnte. Seine Mutter erwähnte, falls er noch Hunger habe, gäbe es noch Haferschleim auf dem Herd, den sie für ihn aufgehoben habe. Ralph lehnte dankend ab, er war mehr als satt.
Sein Vater sagte zu ihm, dass er ihm einmal das Messer zeigen solle, woraufhin Ralph zu seiner Jacke in den Flur ging, das Messer vorsichtig herausholte und zu seinem Vater brachte, nicht ohne ihn darauf hinzuweisen, dass er vorsichtig nach dem Messer greifen solle, da die Klinge scharf sei, auch wenn sie stumpf aussähe.
Tony beäugte misstrauisch das wertvolle Messer und beglückwünschte seinen Sohn, dass er eindeutig damit ein Schnäppchen gemacht habe. Seinem Vater kam die Idee, das Messer für viel mehr Geld im Pfandhaus zu beleihen. Ralph schüttelte energisch den Kopf und sagte, ob er vergessen habe, dass es sein Geburtstagsgeschenk sei. Ralph sagte, dass er das Messer nie mehr hergeben würde. Der Vater gab ihm sein Messer wieder zurück mit den Worten, dass er recht habe.
Just in dem Moment klopfte es vehement an der Tür. Alle schraken auf, außer der Oma, die das Klopfen nicht hörte und deren Stricknadeln munter weiterklapperten. Ihr Schaukelstuhl knirschte leise, als er vor- und zurückwippte. Erneut klopfte es, diesmal noch heftiger. Sarah fragte in den Raum, wer das denn zu der späten Stunde noch sein könne. Tony antwortete, dass die Zeugen Jehovas nun wohl auch nicht mehr davor zurückschrecken würden, ihren »Wachtturm« zu später Stunde anzubieten. Ralph sagte, dass er schon zur Tür gehe und ihm schon etwas Passendes einfalle, um sie abzuwimmeln. Er ging in den Flur, während es weiterhin klopfte. Er versuchte, durch den Türspion zu blicken, doch da er so klein war, gelang es ihm nicht. Als er die Tür aufmachte, gefror ihm beim Anblick der verdreckten Gestalt, die ihn anstarrte, das Blut in den Adern.
Vor ihm stand eine über und über mit Dreck besudelte Gestalt, deren Haare wirr in alle Richtungen abstanden. Sein Kopf war im unnatürlichen Winkel zur Seite geneigt, und kalte blaue Augen starrten ihn an. Aus dem offen stehenden Mund troff Erde, und er sah auf der Zunge Maden, die sich ringelten. Die Gestalt hielt einen verdreckten Fußball. Als Ralphs geschockter Blick auf die bekannten Kinderunterschriften des Fußballs fiel, stellte er entsetzt fest, dass es der Fußball seines Bruders war, dem sie ihn mit in seinen Sarg gelegt hatten, da für Neil Fußball alles war. Jedes der Kinder hatte zum Abschied bei der Beerdigung auf dem Fußball unterschrieben. Ralph konnte nicht glauben, dass sein toter Bruder vor ihm stand. Ihm rannen heiße Tränen aus den Augenwinkeln, alle angestauten Gefühle brachen sich Bahn.
Die grauenerregende Gestalt hatte sich locker sportlich den Fußball unter den linken fauligen Arm geklemmt. Es rieselten ein paar Spinnen zu Boden, die sofort Reißaus nahmen. Mit der rechten Hand, die blutverkrustet und stellenweise ohne Haut war, aus der der blanke Knochen herausschaute, griff er sich an den hängenden Kopf und renkte ihn mit einem knackenden Geräusch wieder auf den Schultern ein. Während er diese ekelhafte Bewegung ausführte, sagte er, dass es nun endlich besser sei. Ralphs Herz pochte, als wollte es aus seiner Brust herausspringen. Sein toter Bruder stand tatsächlich vor ihm.
Neil fragte ihn, warum er weine, wie er mit dem Lernen für Mathe vorankomme und dass er auf ihn zum Fußballspielen gewartet habe. Ralph sah, wie Neil zu jemand hinter ihm aufblickte und mit seiner rechten blutigen Hand zuwinkte, während er fröhlich seine Mutter begrüßte und fragte, ob das Essen schon fertig sei. Er sagte im jungenhaften Ton, dass er einen Riesenhunger habe. Ein schriller, entsetzter Aufschrei war Sarahs Antwort. Wie von der Tarantel gestochen eilte Tony aus dem Wohnzimmer herbei. Sarah verdrehte die Augen, fiel in Ohnmacht und wäre hart auf den Boden aufgeknallt, wenn Tony sie nicht rechtzeitig aufgefangen hätte.
Ralph ging fassungslos langsam einige Schritte zurück und gab für seinen Vater die Sicht auf Neil frei. Während Tony seine Frau vorsichtig zu Boden legte, wimmerte er leise vor sich hin, dass das Ganze nicht wahr sein könne, als er seinen toten Sohn erblickte.
Neil ging mit langsamen abgehackten Bewegungen in den Flur hinein und auf seinen Vater zu. Er fragte dabei, was denn mit Mama bloß los sei und warum sie in Ohnmacht gefallen sei. Als er vor seinen Eltern stehen blieb, verspürte er einen unwiderstehlichen Drang, seinen Vater in den Arm zu beißen, was er auch tat. Dieser schrie unter Schmerzen laut auf, verdrehte die Augen und fiel bewusstlos auf seine Frau. Ralph schrie entsetzt auf und dachte nur noch an seine arme hilflose Oma, die schwerhörig im Schaukelstuhl saß und von dem Ganzen gar nichts mitbekam. Als sein toter Bruder mit blutverschmiertem Mund von seinem Vater abließ und sich dem Schenkel der Mutter zuwandte und genussvoll hineinbiss, lief Ralph blitzschnell ins Wohnzimmer. Er versuchte, seine Oma mit der linken Hand aus dem Schaukelstuhl zu zerren, da er in der rechten immer noch das Messer hielt. Seine Oma blickte geschockt auf das Messer in seiner Hand und erschrak sich, weil sie nicht wusste, was ihr geschah. Während sie sich vehement dagegen wehrte, aus dem Schaukelstuhl gezogen zu werden, erschien Neil mit Fleischesresten im Mund im Türrahmen des Wohnzimmers. Ralph ließ von seiner Oma ab und ging mit schnellen Schritten rückwärts, während Neil sich der Oma näherte, die ihn geschockt anblickte und leise jammerte.
Als er vor ihr stand, strich sie zärtlich über seine kalte Wange mit ihren runzligen Fingern und fragte ihn, ob er es tatsächlich sei. Als er sich gerade über die arme hilflose Oma beugte, um ihr in die Kehle zu beißen, deutete Ralph mit erhobenem Messer auf ihn und schrie, dass er sie in Ruhe lassen solle. Als er dies sagte, spürte er, wie eine unbekannte Kraft ihn durchströmte und sich der Griff des Messers in seiner Hand erwärmte. Neil hielt in der Bewegung inne und erstarrte augenblicklich. Die geschockte Oma fiel vor lauter Aufregung in Ohnmacht, ihr Strickzeug fiel zu Boden.
Neil richtete seinen Oberkörper wieder auf, wirbelte herum und starrte Ralphs Messer wie hypnotisiert an. Er ging langsam wankend auf ihn zu. Während Neil auf ihn zukam, ergriff Ralph die Flucht durch die andere Tür, die zur Küche führte. Er lief wie von Sinnen durch die Küche in den Flur, schob das Messer in die Außentasche seiner Jacke, hob sie vom Haken, griff nach seinen Schuhen, nahm das Handy, das auf einem Holzkasten im Flur lag, schob es in seine Hosentasche und rannte durch die geöffnete Haustür ins Treppenhaus. Er lief flink wie ein Wiesel die Treppen hinunter und stürmte außer Atem ins Freie.
Während er die Jacke anzog und in seine Schuhe schlüpfte, überlegte er panisch, was er jetzt tun sollte. Er war sich sicher, dass alles mit dem Messer zu tun haben musste, da er vorhin irgendeine Kraft gespürt hatte, die von ihm ausging. Er konnte es immer noch nicht fassen, dass er seinen Bruder wiedergesehen hatte. Die einzige Möglichkeit, die ihm einfiel, war, zu dem alten Mann im Laden zurückzukehren, vielleicht wusste er, was es für eine Bewandtnis mit dem Messer hatte. Er hoffte inständig, dass der Laden noch offen hatte.
Auf dem Weg zum Laden herrschte fröhlich maskiertes Treiben. Viele gruselig geschminkte Leute liefen emsig umher, da die Halloween-Nacht begann. Überall leuchteten die Kürbisse mit verschiedenen unheimlichen Gesichtern.
Ralph erreichte nach einer halben Stunde den Laden und sah, dass noch Licht brannte. Es war ein komisches Gefühl für ihn, den Laden wieder zu betreten, da er von Schuldgefühlen geplagt wurde und nicht wusste, wie der alte Verkäufer reagieren würde, da er das Messer an sich genommen hatte, ohne ihn vorher zu fragen. Er nahm allen Mut zusammen und betrat den Laden.
Langsam schritt er zum Tresen, doch er sah den alten Mann nicht. Dann vernahm er gedämpfte Stimmen, die aus der Teeküche drangen. Er ging hinter den Tresen und blieb am Eingang zu dem angrenzenden kleinen Raum stehen und sah den alten Mann, wie er mit einem wild gestikulierenden dunkelhäutigen Mann in einer Konversation vertieft war. Ralph wünschte den beiden zögerlich einen guten Abend, woraufhin deren Unterhaltung verstummte und der Alte mit seinem gichtigen Zeigefinger auf ihn deutete und laut sagte, dass dies der Junge sei. Er musste sich eine Standpauke anhören, dass er nicht unerlaubt Dinge entwenden dürfe, auch wenn er meine, aus seinem eigenen Ermessen heraus Geld dafür hinzulegen.
Der alte Mann klärte ihn auf, dass er das wertvolle Messer für diesen Kunden, er zeigte auf den dunkelhäutigen Mann, in Kommission genommen habe und nach dem Verschwinden des Gegenstands ihn kontaktiert habe. Ralph war in Tränen aufgelöst und weinte. Er begann, seine ganze Geschichte zu erzählen, angefangen von der Figur, die er am Grab seines Bruders geschnitzt hatte, bis hin zum Auftauchen desselbigen vor seiner Wohnungstür und wie er seine ganze Familie gebissen hatte. Während der alte Mann ungläubig schaute und nichts begriff, starrte der Dunkelhäutige Ralph nur fassungslos an und fragte, wo sich nun das Messer befände. Er zog es heraus und zeigte es ihm, doch der Mann wich erschrocken zurück und stieß dabei an den Küchentisch. Eine Tasse ging klirrend zu Boden. Schockiert sagte der dunkelhäutige Mann ein paar Mal hintereinander, dass er es aktiviert habe. Ralph verstand den Sinn seiner Worte nicht und fragte ihn, was er denn damit genau meine. Der Mann sagte zu ihm, dass das Messer ein altes Erbstück seiner verstorbenen Tante aus Haiti sei, die eine mächtige Mambo gewesen sei. Auf den fragenden Blick des Jungen hin, sagte er, dass sie eine Hohepriesterin gewesen sei und dieses Messer zur Totenbeschwörung eingesetzt worden wäre. Sobald das Messer mit dem Blut des Benutzers in Kontakt käme und man das Blut dann auf den Toten, der nicht länger als ein Jahr im Grab läge, träufeln würde, so könne man diesen wiedererwecken. Man sei wie mit einem Band mit ihm verbunden und könne ihm mit dem Messer Befehle geben. Der Tote würde keine Erinnerung daran haben, dass er tot sei. Auf Ralphs Frage, warum sein Bruder seine Eltern gebissen hatte, erwiderte der Mann, dass die unter dem Bann stehenden Toten einen Drang danach haben, sich anfangs vom Fleisch der Lebenden zu ernähren, um zu Kräften zu kommen. Ralph verstand nun, warum sein Bruder wieder lebte, da er sich daran erinnerte, dass er sich in den Finger geschnitten hatte und ein paar Tropfen Blut wahrscheinlich in die Erde hineingesickert waren. Er verstand nun auch den Grund, warum Neil von seiner Oma abließ.
Der kleine Junge sagte dem Mann gegenüber, dass er sich beim Schnitzen in den Finger geschnitten habe und er annehme, dass Blut mit der Erde des schlichten Grabes in Kontakt gekommen wäre. Der Haitianer sagte ihm, dass das für das gewollte Ritual vollkommen ausreichen würde und man am Anfang zur Erweckung keine Formel brauchen würde. Außerdem sagte ihm der Mann, dass sein Bruder ihm überallhin folgen würde, da er mit ihm nun durch das Messer verbunden sei. Es würde auch nichts nützen, wenn er das Messer ihm zurückgeben würde, denn erst müsse der Bann gebrochen werden.
Während der Alte lachte und die Geschichte nicht glaubte, krachte laut die Ladentür aus den Angeln. Erschreckt fuhren alle drei in der Teeküche zusammen und begaben sich in das Ladeninnere, wo sie schon den Untoten sahen. Der Haitianer sagte zu Ralph, er solle seinem Bruder mithilfe des Messers befehlen, aus dem Laden zu gehen und ihnen dann zu folgen. Mit zitternden Händen richtete Ralph das Messer auf ihn und tat, wie ihm geheißen. Neil drehte sich abrupt um und verließ den Laden. Der dunkelhäutige Mann und Ralph, mit vorgehaltenem Messer, folgten ihm sogleich. Der alte Mann blieb sprachlos im Laden zurück. Der Haitianer fragte Ralph, von wessen Friedhof sein Bruder stamme, und sie schlugen schnellen Schrittes den Weg dorthin ein, während Neil ihnen mit Abstand folgte.
Während sie zum Friedhof liefen, klingelte das Handy in Ralphs Hosentasche. Er ging ran. Der Anrufer war David, der ihm mitteilte, dass etliche Freunde seinen toten Bruder in der Stadt gesehen hätten und ob das wahr wäre. Er wehrte ab mit den Worten, dass dies wohl ein schlechter Scherz von manchen Freunden sei und dass es geschmacklos sei, so etwas zu behaupten. Bevor er einhängte, bat er seinen besten Freund, dass er einen Krankenwagen zu seiner Wohnung schicken solle, da seine Familie von einem tollwütigen Hund angefallen worden wäre. Diese Ausrede fiel ihm spontan ein, auch wenn es nicht ganz plausibel klang, wie ein wilder Hund in den dritten Stock eines Wohnhauses und in ihre Wohnung kommen konnte. Er hängte ein.
Als sie auf dem Friedhof angelangt waren, leuchteten nur einige rote Grablichter auf den Gräbern. Als sie vor Neils Grab standen, das sie gleich fanden, da das Erdreich zur Seite gewühlt war und der Sarg offen mit kaputtem Deckel vor ihnen lag, wies ihn der dunkelhäutige Mann an, seinen Bruder anzuweisen, dass er sich in den Sarg zurücklegen solle, Ralph sich selbst schneiden müsse und das Blut wieder auf den lebenden Leichnam seines Bruders tropfen müsse, während er Voodoobeschwörungsformeln intonierte, die Ralph ihm nachsprechen solle. Kurz darauf tauchte der Schatten seines Bruders auf und näherte sich ihnen. Ralph befahl ihm, sich wieder in sein Grab zu legen. Während er das tat, schnitt sich Ralph mit schmerzverzerrter Miene in die linke Handfläche, ließ das Blut auf das entstellte Gesicht seines Bruders regnen, das sich mit seinen herunterlaufenden Tränen vermischte, da Ralph wegen des zweiten Abschieds weinte. Der Griff des Messers glühte mit seinen violetten Symbolen wie beim ersten unabsichtlichen Ritual auf und erwärmte sich. Zur selben Zeit intonierte der Neffe der Mambo seine Beschwörungsformeln, die der kleine Junge, so gut es ging, nachsprach. Als die letzte Formel gesprochen war, verließ der Lebensfunke seinen Bruder, der nun wieder starr dalag. Ralph weinte herzzerreißend.
Als Ralph nach vier Wochen das erste Mal nach dem grauenvollen Vorfall an das Grab seines Bruders ging, konnte er es kaum glauben, dass dies das Grab von Neil sein sollte. Es war luxuriös mit Marmor besetzt, und ein riesiger edler Grabstein, der die Form der Schnitzfigur hatte, die er vor vier Wochen seinem Bruder geschnitzt hatte, zierte das Grab. Der Adler trug keine Aufschrift. Beim näheren Betrachten fiel Ralph auf, dass im offenen Schnabel des Adlers ein weißer Briefumschlag steckte. Er stieg auf das Podest, entnahm den Brief und öffnete ihn. Mit Tränen in den Augen las er, dass der Haitianer das Messer an das Londoner Museum verkauft hatte und dafür eine Menge Geld bekommen hatte, da das Messer ein sehr altes Stück war. Da er mitbekommen hatte, wie schlicht das Grab war und aus welchen armen Verhältnissen der Junge stammte, hatte er sich dazu entschlossen, seinem Bruder ein würdevolles Grab zu schenken. Ralph war überglücklich und freute sich sehr darüber. Er konnte es kaum erwarten, seinen Eltern davon zu erzählen, die vor zwei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen worden waren, und auch seiner rüstigen Oma, die vollkommen unverletzt geblieben war und in der Zwischenzeit auf ihn aufgepasst hatte.
Er hob Neils Fußball auf, den er vorne am Grab abgelegt hatte, und legte ihn dem Adler zu Füßen.
Augen
Der Dämon Gurz stand nervös von einem Huf auf den anderen in der Schlange des Ladens. Sein roter Schwanz peitschte wild hin und her. Beinahe hätte er einen kleinen krötengesichtigen grünen Dämon erwischt, der hinter ihm stand und in einem schimpfenden Ton sagte, er solle mit seinem Schwanz besser aufpassen. Gurz ignorierte ihn einfach.
Die janusköpfige graue Dämonin vor ihm wurde mit dem Einkaufen einfach nicht fertig. Durch ihr hinteres Gesicht fühlte er sich ständig beobachtet.
»Entschuldigen Sie«, sagte er zu ihrem hinteren Gesicht, »geht es nicht ein bisschen schneller? Sie sind hier nicht die Einzige in der Schlange. Ich habe zwölf hungrige Mäuler zu ernähren.«
»Pah«, sagte sie keifend, »das ist ja gar nichts. Ich habe sechsundzwanzig Mäuler zu stopfen.«
Ihr vorderer Teil sagte zur Verkäuferin, die mehrere bepelzte Arme und einen Quallenkopf hatte: »Und packen Sie mir bitte sechsundzwanzig Paar Menschenaugen ein, Sie wissen schon, von den Jungfrauen.«
»Eine sehr gute Wahl«, sagte die Verkäuferin, »das ist allerbeste Qualität. Mit Sehnerven oder ohne?«
»Natürlich mit Sehnerven, das ist ja das Beste daran.«
»Darf es sonst noch etwas sein?«
»Nein, ich glaube, das wär’s gewesen.«
Die Verkäuferin packte mit ihren acht Armen auch noch die Augen in eine Tüte und stellte sie zusätzlich zu den zwanzig restlichen Tüten, die auf der Theke standen. Aus diversen Tüten ragten Körperteile von Menschen heraus.
»Das macht bitte insgesamt sechsundzwanzig Diamanten.«
Die zweigesichtige Dämonin überreichte ihr die wertvollen Steine und beschwerte sich dabei, dass die Preise zu Halloween ein Wucher seien.
Die Verkäuferin ließ die Steine in die Kasse gleiten und sagte nichts auf ihren Kommentar hin. Sie blickte die Kundin noch einmal kurz an und sagte zu ihr: »Vielen Dank für Ihren Einkauf! Ein fröhliches Halloween wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie!«
»Ebenfalls!«, sagte die zweigesichtige Dämonin mit ihrem vorderen Gesicht. Das hintere zischte Gurz zur selben Zeit an: »Jetzt sind Sie an der Reihe!«
Gurz sagte im barschen Tonfall: »Na endlich, ich bin froh, nicht mehr in ihre hintere Visage blicken zu müssen.«
»Was für eine bodenlose Frechheit«, sagte ihr hinteres Gesicht. Sie hing sich sämtliche Tüten über ihre geschuppten Arme und verließ mit einem schnippischen Geräusch den Laden.
»Der Nächste, bitte!«
Gurz trat auf seinen Hufen nach vorne, die den ganzen Laden vibrieren ließen. Er war schon eine imposante Erscheinung und wog dementsprechend viel.
»Ich hätte gerne zwölf Paar Jungfrauenaugen.« Er fügte noch hinzu: »Mit Sehnerven, bitte!«
»Tut mir leid, verehrter Herr, es ist nur noch ein Paar übrig.«
»Das kann doch nicht sein«, schnaubte er nervös, und zwei rote Wolken entstoben seinen Nüstern. »Und das gerade bei Halloween. Wie lange dauert es, bis die nächste Lieferung kommt?«
Die Chimäre kicherte. »Das kann dauern. Menschenjungfrauen sind momentan schwer zu bekommen, da sie immer rarer werden in der Menschenwelt. Sie wissen doch selbst, wie es da oben zugeht. Keinen Anstand mehr und keine Moral. Die treiben’s wie die Tiere. Es ist nicht mehr so, wie es früher war, als da oben noch Moral und Tugend dominierten. Da hatten wir noch massig Menschenjungfrauen, denen wir die Augen herausreißen konnten.«
»Dann nehme ich das letzte Paar.«
»Augen to go oder to stay?«
»Ersteres, bitte!«
Die Verkäuferin legte vorsichtig die blauen Augen mit den Sehnerven auf die Theke. Zur selben Zeit sagte sie: »Das macht einen Diamanten, bitte!«
Gurz zog aus seiner Tasche ein schwarzes Stück Kohle und zerdrückte es kurz in seiner roten Pranke. Die Kohle beinhaltete keinen Diamanten und zerbröselte auf dem Boden.
Peinlich lächelnd sagte er zur Verkäuferin: »Einen Moment, bitte! Ich hab’s gleich.«
Er nahm ein erneutes Stück Kohle, machte denselben Vorgang, und diesmal entstand ein Rohdiamant. Gurz gab ihn der Verkäuferin, die ihn entgegennahm und in die Kasse gleiten ließ. Er nahm die Ware an den beiden Sehnerven und verließ den Laden.
Zu Hause in seiner Feuergrotte angekommen fielen ihm seine Dutzend Kinder schon um den Hals und sagten, dass sie hungrig wären. Dabei schlugen sie mit ihren kleinen ledrigen Flügeln auf und ab. Sie fragten ihn, wieso er nur ein Paar Augen mitgebracht habe und wo der Rest sei. Er erwiderte daraufhin, dass der Laden keine mehr gehabt habe und sie sich nicht an dem einen Paar Augen vergreifen dürften und diese nur zu Dekorationszwecken dienen sollten. Er würde sich jetzt sofort auf dem Weg in die Menschenwelt machen, da heute an Halloween der Schleier zwischen den Welten besonders dünn sei und noch bis zu Sonnenaufgang offen sei. Da Dämonen keine Sonne mögen, sagte seine Frau, die in der Küche stand, dass er das Wort »Sonne« in Gegenwart der Kinder nicht verwenden solle.
Eines seiner Kinder, das Jüngste, ergriff die Augen und platzierte jeweils eines der Augen mitsamt dem Sehnerv in die entsprechende Augenhöhle des geschnitzten Kürbisses. Das linke Auge rollte leicht nach links und blickte nach links oben, während das andere schräg nach unten blickte. Als Gurz das sah, korrigierte er die Augenlage, sodass die Augen nach vorne blickten.
Er gab seiner Frau einen Abschiedskuss auf die Nüstern. »Schatz, ich bin gleich da. Ich reiße nur schnell ein paar Jungfrauen in der Menschenwelt die Augen raus.«
Ein lautes Grollen ertönte aus ihrem Bauch. Sie griff sich mit ihren Klauen an ihr geschupptes Dekolleté. »Bei der Vorstellung kribbelt und krabbelt es mir überall. Beeil dich, mein Feuerfunke.« Dabei kniff sie ihn zärtlich in seinen Schwanz, als er sich von ihr abwandte.
Er erreichte das Tor zur Menschenwelt, hob den Schleier, der zur Halloweenzeit besonders durchlässig ist, und schlüpfte hindurch. Er materialisierte in New York an der Fifth Avenue in einer unbelebten Gasse. Als er die Gasse verließ und in die Haupteinkaufsstraße einbog, fand er es lächerlich, wie sich die Menschen zu Halloween als Dämonen, Hexen und andere unheimliche Wesen verkleidet hatten. Es war eine Beleidigung für die Dämonenwelt, da sie in Wirklichkeit viel grauenvoller und würdevoller waren. Es hatte wenigstens einen Vorteil, dass er hier in seiner wahren Gestalt auftauchen konnte, da alle dachten, er trüge eine Verkleidung. Seine Suche nach Jungfrauen und ihren Augen – die Augen einer Jungfrau leuchten für Dämonen in einem glitzernden Blau, wenn sie sie anblicken – dauerte länger, da ihn mehrere Leute, vor allem japanische Touristen, fotografierten, da sie sein Halloweenkostüm außergewöhnlich fanden. Er zuckte jedes Mal zusammen, wenn der Blitz aufleuchtete, da er die Helligkeit nicht vertrug.
Die Zeit rann ihn davon, egal in welches Augenpaar der Menschen er blickte, sah er kein blaues Leuchten, und er fragte sich, ob es denn hier in dieser Menschenwelt eigentlich noch eine Jungfrau gab, ob Mann oder Frau.
Dann sah er es, das Leuchten. Es war eine blonde junge Jungfrau, augenscheinlich um die zwanzig, und sie hatte das Paar wunderschönster Augen, das er je gesehen hatte. Sie stand weit entfernt vor einem Brunnen und schien auf jemanden zu warten. Ihre Augen leuchteten in bezauberndem Blau, und er sah sogar noch, als er mit seinen geschlitzten Pupillen ihr Gesicht heranzoomte, dass sie noch eine Besonderheit hatte, und zwar besaß sie zwei verschiedene Augenfarben. Ihr rechtes Auge war blau und das linke grün. Er war absolut fasziniert von diesem zierlichen Geschöpf.
Er ging zu ihr hin, stellte sich vor ihr in Positur und hypnotisierte sie, als sie ihn fragend anblickte. »Folge mir, meine Schöne!«
Gurz begab sich mit der Jungfrau in eine unbelebte Gasse, wo er ihr die Augen rausreißen wollte. Als er jedoch damit beginnen wollte, konnte er es nicht tun. Er bemerkte, dass er dieses Geschöpf nicht vernichten konnte, er hatte sich in sie verliebt. Es war Liebe auf den ersten Blick. Diese Frau hatte ihn so benebelt, dass er alles um sich herum vergaß. Es war ihm mittlerweile egal, in die Dämonenwelt zurückzukehren oder ob die Sonne aufging und er erhebliche Schmerzen erleiden würde. Er hatte seine Frau komplett vergessen und auch seine Kinder, die darauf warteten, dass er in die Feuergrotte zurückkehren würde. Für ihn existierte nur noch diese Frau, und er wollte sein ewiges Leben mit ihr verbringen.
Er führte sie in ein edles Restaurant und bestellte die Karte rauf und runter. Als der Ober gerade die meterlange Rechnung brachte und Gurz mit drei Diamanten zahlen wollte, materialisierte sich mitten im Restaurant seine erboste Dämonenfrau. Alle anwesenden Gäste waren fasziniert von der für sie vermeintlich inszenierten Show.
»Da treibst du dich also herum«, sagte sie im bitterbösen Ton. »Anstatt Jungfrauen die Augen herauszureißen, führst du sie im Restaurant zum Essen aus.«
Er würdigte sie keines Blickes und schaute immer noch verliebt in die wunderschönen Augen der Menschenjungfrau.
Da scheuerte seine Dämonenfrau ihm eine, dass sämtliche Teller im Restaurant erbebten. Zum ersten Mal blickte er sie entsetzt an und wurde aus dem betörenden Bann der Jungfrau gerissen.
Seine Frau packte ihn an den roten Hörnern und zerrte ihn auf den geöffneten Schleier zu, der in der Mitte des Restaurants schwebte und allmählich zu verblassen begann, da sich gerade die Tore zwischen den Welten langsam schlossen. Just in dem Moment, als beide durch den Schleier traten, schloss sich der Riss endgültig, und alle Leute begannen zu klatschen und die einfallsreiche Halloweenshow zu loben.
© by Agic Ago, 31.10.2016
Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten.
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Hallo, ihr Lieben,

Halloween rückt näher. Anlässlich des Halloweenfestes haben wir den Originalpreis (2,99 Euro) des zweiten Bandes von der Kinderbuchserie „Flocke und Schnurri“ auf 99 Cent runtergesetzt.

Das Angebot gilt nur für kurze Zeit!

Die Halloween-Kindergeschichte enthält wunderschöne farbige Bilder.

Klappentext:

Endlich haben die Zauberkatzen die böse Hexe Morbia besiegt und es herrscht eine ausgelassene Stimmung im Zauberkatzendorf Luna. Als unverhofft die gute Hexe Gwendolyn im Dorf auftaucht, ahnt niemand, dass sie in Wahrheit Morbia ist, die sich wieder einen hinterlistigen Plan ausgedacht hat, um den mächtigen Mondkristall in ihren Besitz zu bringen. Wird es ihr diesmal gelingen? Eine wahre Hexenjagd beginnt …

 

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Viel Spaß beim Lesen!

Happy Halloween!

Viele Grüße, bleibt gesund!

Ago und Torsten

 

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Liebe Leserin, lieber Leser,

der zweite Band der Kinderbuchserie „Flocke und Schnurri“ ist nun auch als Printbuch erhältlich. Buchmaße 21,6 x 0,4 x 21,6 cm. ISBN-Nummer: 978-1539323518

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Viel Spaß beim Lesen!

Liebe Grüße, bleibt gesund!

Ago und Torsten

 

 

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wie schon im Betreff erwähnt, ist unser Hörbuch „Hexenarche: Bestimmung“ seit Kurzem auch auf iTunes erhältlich.

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Viel Spaß beim Hören!

Liebe Grüße, bleibt gesund!

Ago und Torsten

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